Zum allgemeinen Wohle

Zwischen lokalen Handwerksbetrieben einerseits und Grosskonzernen und Unternehmen der Finanzbranche andererseits wird im Land der Ideen gerne unterschieden. Die idealistisch veranlagte Andrea Nahles bringt diese ressentimentgeladene Einschaetzung auf den Punkt, wenn sie verlautbaren laesst, dass “Kapitalist” durchaus als Schimpfwort taugt, da der Kapitalist jemand ist, “der die gesellschaftlichen Interessen hinter seine eigenen Profitinteressen stellt.” Im “Gegensatz” dazu sieht sie Unternehmer als “positive Akteure in unserer Gesellschaft. Sie beuten nicht aus, sondern ermöglichen Wertschöpfung und Arbeitskräfte.”

Die Kritik geht nicht nur an der Totalität der Verhältnisse kapitalistischer Vergesellschaftung vorbei. Das moralisches Urteil, dass ueber den Vorrang des Profitinteresses gefaellt wird, dient hier der Entlastung des Kapitalismus, dessen destruktive Potentiale sich nach dieser Lesart nicht aufgrund seiner Eigendynamik, sondern aufgrund persoenlichen Fehlverhaltens entfalten.
Dabei wird natuerlich auch verschleiert, dass im Kapitalismus Unternehmer als Inhaber eines Unternehmens der gleichen Totalitaet kapitalistischer Verhaeltnisse unterliegen, wie die von Nahles angeprangerten Kapitalisten. Wer Kapital investiert, ist an der Verwertung des eingesetzten Kapitals interessiert.
Imdem Nahles Unternehmern unterstellt, dass diese nicht ausbeuten, behandelt sie Ausbeutung als moralischen und nicht als oekonomiekritischen Begriff, als der er gelten muss, um ein Grundverstaendnis kapitalistischer Vergesellschaftung zu
erlangen.
Tatsaechlich sind Ausbeutung und Expansion Grundfunktionen des Kapitalismus.
Sie sind immanenter Bestandteil des kapitlistischen Produktionsprozesses. Kritik, die zwischen schlechten Kapitalisten und guten Unternehmern unterscheidet, schliesst von unterschiedlichen Formen der Kapitalverwertung auf einen Kapitalismus, der in produktiv und spekulativ zerlegt wird.

 

  

Die gegen den spekulativen Kapitalismus gerichtete Kritik stuetzt den Kapitalismus an sich. Die Krisen, die in seiner selbstzerstoererischen Dynamik vorprogrammiert sind, werden auf das Fehlverhalten einzelner Akteuere im Kapitalismus geschoben. Man denke auch an den Heuschrecken-Vorwurf von Franz Muentefering und dessen zahlreiche Adaptionen. Z.B. die der IG Metall. Die Kritik am Profitinteresse, dass ueber dem Allgemeinwohl steht, faellt ein moralisches Urteil ueber einen systemimmanenten Zwang im Kapitalismus. Es “vergisst”, dass mittelstaendische Handwerksbetriebe wie Grosskonzerne und Investmentbanken sich dem Zwang zur Profitmaximierung nicht entziehen koennen. Wer im kapitalistischen Wettbewerb bestehen will, muss ausbeuten, profitieren, akkumulieren, investieren, expandieren. Fuer den idealistischen Wahn, das Allgemeinwohl vor das Profitinteresse zu stellen, sieht der Kapitalismus keine Ausstiegsklausel vor.
Das Allgemeinwohl muss durch das Profitstreben der Akteure vermittelt werden. Durch ihre auf Profit zielenden Ausbeutung der Arbeitskraft, die Arbeitsplaetze schafft.
Die Aneignung der Mehrarbeit und die dadurch moegliche Abschoepfung des Mehrwerts, ueber den sich Profite realisieren, sind oekomiekritisch begriffen Ausbeutung. Wo Ausbeutung auszubleiben droht, geraet das Allgemeinwohl unter Druck.


Wenn ein Unternehmen nicht einem Unternehmer sondern z.B. als AG mehreren Anteilseignern gehoert, wird es von Managern gefuehrt, deren Auftrag es ist den Laden rentabel zu halten. Die Unternehmensleitung ist dem Profitinteresse der Kapitalgeber verpflichtet. Wenn die Herstellung langweiliger Automobile in Ruesselsheim oder
Bochum keinen Gewinn abwirft, macht das ganze Unternehmen im Kapitalismus keinen Sinn. Auch wenn Bochum mal wieder die Zeche zahlt. Gewinnstreben ist im Kapitalismus kein moralisches Versagen, sondern eine Notwendigkeit.


Wir haben uns daran gewoehnt, dass durch Verwertung des Kapitals dem Allgemeinwohl nachgeholfen wird. Dabei ist nicht hinreichend reflektiert, dass dies nicht am Unternehmer liegt, der “Wertschoepfung und Arbeitsplaetze” ermoeglicht, sondern an der Wertschoepfung, die durch die Ausbeutung der Arbeitskraft moeglich wird. Weil die Ausbeutung der Arbeitskraft eben Arbeitsplaetze schafft.

Wer dies halbwes versteht hat sich einer grundfalschen Kapitalismuskritik deshalb noch lange nicht entzogen. Abgesehen von dem Theater um die Produktionsstaetten in Bochum, gibt es die weitreichendere Kritik, wonach die produktive Wertschoepfung im Kapitalismus sich insgesamt im Wuergegriff der Finanzmaerkte befindet.

Die Realwirtschaft gilt dabei als Opfer der Geldmacherei in der Welt der Finanzjongleure. V.a. in der Anglo-Amerikanischen Welt der Finanzjongleure.

Die Unterscheidung zwischen Finanz- und Realwirtschaft unterschlaegt die gemeinsame Zugehoerigkeit zur Totalitaet kapitalistischer Verhaeltnisse. Kapitalanleger und Kapitalgeber sind notwendiger Teil des oekonomischen Systems. Auf den Finanzmaerkten wird das Kapital gehandelt. Die Verhaeltnisse sind etwas komplizierter geworden, als dass die Idee, eine Bank haette alle Spareinlagen in einem Safe, aus dem sie Kredite vergibt, noch zu irgendetws taugen wuerde.
Wer den geldgierigen Kapitalisten nun in der komplizierten Finanzwelt sucht, um ihn in Zeiten der Krise zur Verantwortung zu ziehen, vergisst, dass das Kapital, mit dem auf den Finanzmaerkten gehandelt wird, von den Anlegern kommt, die sich – natuerlich – vom Profitinteresse leiten lassen. Ein Hedge-Fonds-Manager oder Investment-Baenker hantiert bei seinen Investitionen ja nicht mit seinem eigenen Kapital. Er hat den Kapitalanlegern Rendite versprochen. Die darueber hinausgehende Verpflichtung zum Allgemeinwohl ist dazukonstruiert.


Ausgehend von einer grundfalschen Vorstellung von einem Kapitalismus, der dem Allgemeinwohl direkt verpflichtet ist, werden in Krisenzeiten Suendenboecke produziert, die gegen diese Verpflichtung verstossen. Die falschen Verhaeltnisse werden ideologisch gestuetzt.
So lange etwa in reformistischer Hinsicht gefordert wird ,das Casino zu schliessen, draengt sich der Verdacht auf, dass der Kapitalismus hier weniger seiner selbstzerstoererischen Dynamik erliegt, als dass er vielmehr von “Finanzjongleuren” und anderen maechtigen Gestalten aus der zwielichten Finanzwelt fehlgeleitet wurde. Kapitalismus als totales gesellschaftliches Verhältnis wird hinter dem Angriff auf den Casino-Kapitalismus verborgen

Abgesehen von der begrifflichen Schieflage, mit der Kapitalismus”kritiker” wie Muente, Nahles und Attac hantieren, ist es die implizierte Unterscheidung zwischen schaffendem und raffendem Kapital, die sich als brandgefaehrlich herausstellt und an dessen Ende die schrecklichste aller Ideologien lauert. Es ist die Personalisierung kapitalistischer Vergesellschaftung, die den modernen Antisemitismus kennzeichnet.


Die mittels amerikanischer Aufbauhilfen demokratisierte deutsche Nachkriegsgesellschaft ist hier besonders anfaellig.
Das es nun schon viele Nachkriegsjahre lang gelingt, das deutsche Wesen unter dem Schleier der Laeuterung zu verbergen – in den letzten Jahren sogar unter dem Anstrich der bunten Republik – soll nicht ueber die schwierige Herausforderung hinwegtaeuschen, die mit der aufziehenden Wirtschaftskrise ins Haus steht.
Die Suche nach Schuldigen ist bereits im vollen Gange. Dabei hat die Krise noch nicht einmal voll auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen. Die Ressentiments, die dem falschen Verstaendnis gesellschaftlicher Zusammenhaenge unterstehen, sind noch nicht so stark emotionalisiert, wie dies der Fall sein wird, wenn Hundert Tausende ihre Freistellung verarbeiten muessen.
Heuschrecken-Vorwurf, Nokia-Boykott, Fremdarbeiterparanoia, Ackermann-Schelte, Antiamerikanismus und Verschwoerungstheorien waren schon vor dem Absturz der Finanzmaerkte da. Was also, wenn die Krise demnaechst fuehlbar wird?
Wie lange laesst sich der Vorbehalt gegen Baenker, “Bonzen”, “Kapitalisten”, “Fremdarbeiter” usw. zur Entlastung des kapitalistischen Systems anfeuern, ohne das Gemuet des einfachen Buergers zu ueberhitzen?


Moralische Verfehlungen anzufuehren, um die derzeitige Situation zu erklaeren, ohne den Kapitalismus in Frage zu stellen, treffen auf den ohnehin labilen Sozialcharakter des deutschen Volkes. Wo sich Ohnmachtsgefuehle und Abstiegsaengste verdichten, steigert sich die Straflust.

 

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