Zur Kasse, bitte

Die Verursacher müssen zahlenIn dieser Aussage findet sich die geballte Affirmation des Kapitalismus.
Die entfesselte Auseinandersetzung ueber die Moeglichkeit sozialer Unruhen traegt ihren Teil dazu bei, eine Vorstellung zufestigen, nach der es einerseits diejenigen “die die Krise verursacht und vom Kasino-Kapitalismus profitiert haben” und auf der anderen Seite die Geprellten, gibt. Da die Krise nun massiv auf den Arbeitsmarkt durchzuschlagen droht, wird vermutet, dass sich die Betroffenen ihre Besonnenheit aufgeben koennten.

“Wenn also Massenarbeitslosigkeit eintritt, gleichzeitig die Regierung nicht zusätzlich gegensteuert und nach der Wahl das Abladen der Krisenlasten bei den Opfern und nicht den Verursachern der globalen Rezession droht, dann haben wir ein explosives Gemisch. Das könnte Zorn und Wut der Betroffenen auslösen.”
Der Wille sozial aufzubegehren, wird keiner ideologiekritischen Pruefung unterworfen. Dabei hat Camus in “Die Pest” bereits bemerkt, dass der gute Wille so viel Schaden anrichten kann, wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklaert ist
Indem ueber eine Moeglichkeit sozialer Unruhen diskutiert wird, verankert sich begrifflich noch einmal die verkehrte Wahrnehmung falscher Verhaeltnisse.

Wenn Aufkleber gedruckt werden, auf denen steht „Die Krise bewältigen. Die Verursacher müssen zahlen!“ , dann liegt die Totalitaet kapitalistischer Vergesellschaftung begraben. Im Verursacher personifizieren sich die Kapitalisten, deren Summe vermeintlich den Kapitalisten ausmacht. Eine zu grosse Anzahl von Zockern unter den Kapitalisten fuehrt nach der Vorstellung dann zum Casino-Kapitalismus.

Im Bild der Verursacher treten unverantwortlich handelnde “Heuschrecken” [Muente-Klassiker] bzw. Finanzhaie, Hedgefondsmanager, gierige Besitzer großer Aktienpakete, gegelte Boni-Jäger mit Jachten und eigenen Inseln [Sommer] an die unschuldige Produktionsspaere der Gesellschaft heran und bohren in profitgieriger Absicht in den Keimzellen gesamtgesellschaftlichen Wohlstands.

“Die von skrupellosen Casino-Kapitalisten und gewissenlosen Spekulanten ausgelöste weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise bedroht mittlerweile zig-Millionen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in ihrer Existenz”

Sommer befuerchtet, dass “die Beschäftigten die Zeche der Krise zahlen sollen”

Im antikapitalistischen Ressentiment scheint ein herbeihalluziniertes dem Allgemeinwohl verpflichtete Kapital, dass Werte und Arbeitsplaetze schafft, vom ausbeuterischen Kapital massiv bedroht.

Die zwanghafte Verwendung des Begriffs Casino-Kapitalismus erweckt den Eindruck, dass es sich dabei um etwas anderes handelt als um Kapitalismus.
Unberuecksichtigt bleibt dabei nicht nur, dass alle Investitionen im Kapitalismus spekulativ sind. Im Ressentiment gegen dieAkteure der Finanzwirtschaft, die vermeintlich die arbeitsam schaffenden Zellen des Volkskoerper boesartig befallen, steckt zunaechst einmal die verkehrte Vorstellung der Verhaeltnisse, die es da zu schuetzen gibt.

Alle Produkte, die in der Realwirtschaft hergestellt werden, sind Tauschwaren, hinter deren Produktion ein Profitinteresse steckt.

Der Mehrwert, der sich im Tausch auf den Maerkten realisiert, ist das Entscheidende der Warenproduktion. Die Abschoepfung des Mehrwerts ist nur moeglich, da der im Tausch realisierte Mehrwert nicht vollstaendig auf diejenigen ausgeschuettet wird, die an Warenprokuktion beteiligt waren. Oder anders formuliert notwendiger Weise ausgebeutet werden.
Oekonomiekritisch begriffen ist es die Ausbeutung, die Gewerkschaften und die Masse der Deutschen so gluehend verfechten.

Uns erscheint die Warenproduktion so natuerlich, dass wir das gesellschaftliche Zwangsverhaeltnis, in das wir eingebunden sind nicht erkennen.
Wir sind doch immer davon abhaengig, ausgebeutet zu werden. Wo wir nicht verwertbar sind, hat der Kapitalismus keine Verwendung fuer uns. Der Spuk von Wert und Verwertbarkeit liegt laengst unserem Denken zu Grunde. Weshalb wir uns andersweitig umsehen, um zu erklaeren, warum wir staendig um das versprochene Glueck betrogen werden.

Es wird nicht fuers Allgemeinwohl produziert und es finden sich keine Waren in der Zirkulationassphaere, deren Herstellung keine Mehrwertabschoepfung verspricht. Und es gibt keine Mehrwertabschoepfung ohne Ausbeutung.

Ebenso zwingend, wie die Ausbeutung ist auch die Akkumulation. Wer in der Konkurrenz nicht staendig seine Profite steigert und reinvestiert, um im Wettbewerb gut aufgestellt zu sein, steht samt seiner Arbeiterschaft schneller am Spielfeldrand, als ihm lieb sein kann.

Es ist unsinig einen prinzipiellen Unterschied zwischen Finanz- und Realwirtschaft zu behaupten. Nicht nur, dass die [spekulativen] Investitionen kleiner, mittlerer und grosser Unternehmen ohne Kreditgeber so wenig moeglich waeren, wie der Haeuslesbau. Auch in ihrem Handeln sind die Akteuere der Finanzwirtschaft den gleichen Zwaengen kapitalistischer Totalitaet ausgesetzt, wie die viel gelobte Unternemer der Realwirtschaft.
Jeder Laden, von Bio-Super bis zur Grossbank, muss sich sein Dasein erwirtschaften.

Dass die Produkte auf den Finanzmaerkten abstrakter sind, soll nicht verschleiern, dass sie doch die gleiche Bestimmung haben, wie alle Waren, die in den romantisierten Betrieben produziert werden. Bio-Aepfel werden aus dem gleichen Grund angebaut, aus dem auch Hypotheken gebuendelt werden. Um damit Profit zu erzielen. Nicht nach geschmack, sondern mit der Konkurrenz im Nacken. Bauern und Finanzhaien sind zur staendigen Expansion ihres Geschaefts gezwungen. Wer Geld investiert, erwartet Rendite, weshalb diejenigen gewinnen, die die beste Rendite bieten.

Soweit, so Marx und tausendfach dargelegt.

Wenn Leute wie Sommer die Verhaeltnisse durchschauen wuerden, waere ihre Rhetorik boesartiger Populismus. Doch waeren sie dann wahrscheinlich nicht in die Funktion gelangt, in der sie den stummen Zwang der Verhaeltnisse stuetzen, indem sie vermeintlich antikapitalistisch gegen eine personifizierte Bedrohung des Allgemeinwohls agitieren.

Zum Vorturner der konformistischen Revolte wird er es trotzdem nicht bringen. Sobald er seine Tiraden gegen raffende Kapitalisten ansetzt schallt ihm aus den Kommentaren entgegen, dass er selbst doch ein ganz gutes Auskommen mit dem System pflege. Hier liegt eine gewisse Ironie. Die Weltansicht Sommers, nach der diejenigen, die Geld haben, Boese sind, wird durch seine eigene ertragsbringende Funktionaersstellung konterkariert. Aehnliche Probleme hat Muente, der sich gerne als Klasenkaempfer aufspielt und doch vom Volk zur Klasse der Politiker gezaehlt wird, die mit der blutsaugenden Finanzwirtschaft kollaboriert.
Wenn Muente meint, dass ein Bankmanager nicht so gut sein kann, wie 500 Krankenschwestern, dann muss er sich auch fragen lassen, ob er selbst denn besser ist, als ein Dutzend Krankenschwestern.

Obwohl ich nach der Rechnung nur 2/3 einer Krankenschwester wert bin, moechte ich mir doch anmassen, einmal am Mythos zu ruetteln, der diese populaere Bezugsgroesse umgibt. Im KKH arbeite ich, wie alle anderen PflegehelferInnen und auch alle Schwestern nicht aus purer Naechstenliebe, sondern um des taeglichen Brot Willens. Und wie alle anderen Angestellten des KKH, habe ich ein Interesse, dass dies moeglichst reichhaltig ausfaellt. Im KKH herrscht ein staendiges Hauen und Stechen – verdeckt und offen – um die zulagenfetten Schichten und ein daraus resultierender Argwohn im Umgang miteinander. Allein um das Wohl der Patienten besorgt, und damit zum klassischen Gegenbeispiel fuer einen Finanzhai empfohlen, sind Krankenschwestern nicht. Als der Lohn um 3 Prozent gekuertzt wurde, war der Aufruhr gross. Auch wenn die KKH-Leitung gegen den Bankrott des KKH kaempft, wird ihr so ein Schritt nicht verziehen. Wer nach der Lohnkuerzung die Chance sieht, irgendwo mehr Geld zu verdienen, geht.
Waeren wir Pflegenhelfer und Krankenschwestern Baenker, wuerden wir auf keinen Heller irgendwelcher Boni verzichten, um dem Allgemeinwohl gut zu tun.

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