Anekdote zur Senkung der Moral

In einem Fischerhafen an einer westlichen Kueste Europas bemueht sich ein leger gekleideter Tourist gelassen den Augenblick zu geniessen. Einzig das geschaeftige Treiben, dass aus einem schicken Fischlokal zu vernehmen ist, verleidet ihm das Vorhaben. Besteck klirrt und reizende Damen quieken froehlich, waehrend die Herren zufrieden brummen. Der Tourist, dem das Lokal gaenzlich unbekannt ist, mustert dieses argwoehnisch und tritt dann naeher an den Kai um seinen Blick ueber die Boote schweifen zu lassen. Sein Streben nach dem authentischen Eindruck wird jaeh unterbrochen als ein Trunkener rauchend an ihn herantritt und ihn anglotzt. Dieser oeffnet den Mund ohne etwas zu sagen und bringt somit beide in Verlegenheit. Schliesslich rutscht ihm ein Entschuldigung ueber die Lippen. Der Tourist – der Landessprache immer noch maechtig – wiegelt zunaechst ab. Ach was. Wofuer?
Wenn Sie mein Boot suchen muss ich sie enttaeuschen, sagt der Trunkene dann ploetzlich.
Der Tourist schuettelt den Kopf. Und entgegnet dann, wenn auch nur um sich selbst reden zu hoeren: Mir ist, als ob sich das Bild nicht aus dem heraus erheben moechte, was ich vor Augen habe. Seit Jahren steckt mir die Begegnung im Kopf.
Der Trunkene melancholisch: Alles ist aus dem Ruder gelaufen.
Tourist, ganz mit sich selbst beschaeftigt: Hier habe ich eine neue Sicht auf die Dinge gewonnen. Ich wuenschte nur, mein Widersehen waere aehnlich kraftvoll. Doch finde ich vieles veraendert. Zu geschaeftig fuer den doesenden Fischer, dessen Boot ich auch nicht unter den Booten erkennen mag.
Der Trunkene, mit dem weinseeligen Versuch, sich das Recht auf Gehoer zu verschaffen: Es ist alles weg, Mann. Nichts mehr da. Kein Boot und auch keine Alte mehr.
Der Tourist, der sich nun doch erheblich in seiner Reflexion gestoert fuehlt, richtet ein freundliches aber betimmtes Entschuldigung an den Trunkenen. Waren sie nicht auf dem Weg in die Taverne?
Ein Auflachen. Der Trunkene unbeholfen zynisch: Taverne? Meinen sie die RestroBar? Da hat mir der Schuft schon am Morgen die Tuer gewiesen. Fuer einen wie mich sei da kein Platz mehr.
Im Touristen steigen Abneigung gegen den Trunkenen und das Fischrestaurant gleicher Massen auf. Seine Ausgeglichenheit, mit der er in den Tag gestartet war, wie in jeden Tag, scheint ihm in Gefahr.
Geld ist nicht alles, wendet er sich schliesslich an den Trunkenbold und gefaellt sich sehr bei den Worten, die da aus seinem Mund kommen.
Sie haben leicht reden, entgegente der Trunkene, dem der Fusel zunehmend in den Kopf zu steigen scheint. Sie reisen und scheinen auch sonst nicht ohne Mittel. Aus dem Farbfilm ist schon laengst eine Digitalkamera geworden.
Ohne irgendein Gericht angerufen zu haben, fuehlt sich der Tourist ploetzlich gezwungen sich zu verteidigen. Ich bin keiner von denen, die dem Geld nachjagen. Im Gegenteil. Mich hat eine Begegenung mit einem Fischer in diesem Hafen gelehrt, weniger materialistisch zu sein. Ich lege seither sehr viel mehr Wert auf meine Freizeit.
Eine leichte Unruhe steigt in ihm auf. Ihm ist, als ob ihm die richtigen Worte fehlen wuerden, um seine Gelassenheit zu umschreiben. Schliesslich legt er nach. Ich gehe zweimal die Woche zum Yoga. Glauben sie ja nicht, dass mir das Spirituelle fehlt.
Er ist mit seinem Plaedoyer nur maessig zufrieden und taxiert nun den Trunkenen um zu erraten, zu welchem Urteil dieser kaeme.
Mehr als verwirrt entgegenet dieser nach einer verlegenen Pause: Entschuldigung.
Und noch ehe der Tourist etwas sagen kann, ist es dem Trunkenen als muesste er etwas klarstellen: Es war nie meine Absicht sie zu belehren.
Schliesslich faellt es dem Touristen wie Schuppen von den Augen und ohne sich voll unter Kontrolle zu haben wirft er dem trunkenen Fischer erregt an den Kopf: Mensch Alter, was stinkst du nach Wein statt auf deinem Boot oder sonstwo zu doesen. Du verdirbst uns noch beiden den Tag. Ich habe den Gegensatz ueberwunden, in dem ich zu Dir gesehen wurde. Ich habe die Paradoxie aufgehoben, mit der unser Verhaeltnis in allen gaengigen Interpretationen gesehen wird. Ich habe mir die Begegnung mit dir zu Nutzen gemacht und meine Befangenheit im Profitdenken ueber Bord geworfen. Dazu noch die Nervositaet, die mir angelastet wurde. Ich bin mir der Absurditaet gewahr geworden, sich ununterbrochen der Arbeit hinzugeben, bis diese schliesslich Zweck statt Mittel zum Zweck ist.
In ihm stieg beim Klang seiner Worte ein Gefuel der Ruehrung auf. Ich mache zweimal die Woche Yoga.
Der laut aufruelpsende trunkene Fischer holt ihn jaeh aus den Betrachtungen. Entschuldigen Sie, mir ist als ob ich Kotzen muesste. Der Wein, die Sonne, mir ist ganz anders.
Der Tourist kann nur noch mit Muehe an sich halten. Voller Erregung wirft er dem Fischer an den Kopf, mit seiner Wandlung nun statt Eintracht eine neue Absurditaet zu schaffen. Obwohl ihm diese Aussage im naechsten Moment durchaus schief vorkommt. Waehrend sich der Fischer uebergibt steht er kopfschuettelnd da. Ohne Gnade vor den Haerten des Suff fordert der Tourist dem Fischer eine Erklaerung ab. Er benutzt beide Haende um seiner Aufforderung Nachdruck zu verleihen. Dass unbestimmte Gefuehl um seinen Idealismus betrogen worden zu sein gewinnt immer mehr die Oberhand ueber seine muehsam erarbeitete Gelassenheit.
Um den Ballast seines Mageninhalts erleichtert, zeigt der Fischer eine Schlaefrigkeit, die dem Touristen nun gar nicht in den Kram passt und fischt umstaendlich nach einer Zigarette statt sich zu erklaeren. Zu gern haette ihm der Tourist eine in die Hand gedrueckt um den ploetzlich Schlaefrigen zur Sache zu bringen, doch hat er das Rauchen um seiner Mitte wegen laengst aufgegeben.
Nachdem er sich die Kippe angezuendet hat, tritt der Fischer schliesslich an den Touristen heran und klopft ihm auf die Schulter um sich dann vor ihm auf den Boden zu setzen und mit verhaltener Koerpersprache zu erzaehlen, dass der Schurke Fischer wie er war und aber ploetzlich angefangen hat, zwei-, drei- viermal am Tag rauszufahren, heute, morgen, uebermorgen und ueberhaupt an jedem guenstigen Tag statt auf dem Boot zu doesen und sich allein des Tabak zu erfreuen. Nach einem Jahr hatte er soviel verdient, dass er einen Motor kaufen konnte, und nach einem weiteren Jahr ein zweites Boot, dann einen kleinen Kutter. Irgendwann hatte er zwei Kutter und waehrend ich so ueber ihn gelacht habe, wie ich ueber sie geschmunzelt habe, war er bereits in der Lage, dermassen die Preise zu druecken, dass ich selbst gezwungen war mehr zu fangen um mein bescheidenes Auskommen zu sichern. Doch konnte ich den Unterschied nicht ohne weiteres aufholen.
Fuer einen Augenblick verschlaegt es ihm die Stimme. Die durch Erleichterung erlangte Ruhe kippt ins weinerliche: Waehrend der Schurke schon ein Kuehlhaus gebaut hat und eine Räucherei, hatte ich Probleme, bei der Bank einen Kredit fuer einen gescheiten Kutter zu erlangen. Schliesslich hab ich mein Boot verkaufen muessen.
Peinliches Schweigen.
Sehen Sie die Gastrobar, in der die Damen quieken und die Herren brummen?
Genug, herrschte ihn der Tourist an. Sie machen sich nicht viel aus Materiellem. Was schuetten sie sich also den Wein in den Kopf statt weiter im Boot oder sonstwo zu doesen. Bleiben sie dem, den sie Schurken nennen, ueberlegen. Innerlich.
Schliesslich unbeherscht: Tun sie mir den Absturtz nicht an. Sie beleidigen meine Kartharsis.
Sein Idealismusldroht ihm in Truemmer zu fallen. Dass der Fischer seine Geschichte nicht unterbricht und schliesslich noch offenbart, dass seine Frau ihn mit dem Schurken, ist ihm schon egal.
Er spuert eine ohnmaechtige Wut gegen den gefallenen Trunkenbold, den er im Geiste schon mit tausend Fluechen belegt. Der Kerl ist ihm so offensichtlich unfaehig den Verhaeltnissen mit innerer Kraft zu trotzen, dass dem Touristen, der sich schon lange nicht mehr vom Profitdenken leiten laesst, nicht anderes uebrig bleibt als sich abzuwenden von dem Trunkenen, der ihm als Fischer einst so Boell gekommen ist.

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