Israel – pt. 3(1)/24 || Von Warschau nach Beer Sheva

Mein Bewohner Ephraim P. wurde von den Nazis in jungen Jahren ins Warschauer Ghetto gezwungen. Nach dem Aufstand wurde er ins Konzentrationslager Majdanek deportiert und begann dort seine Karriere als Zwangsarbeiter. In Majdanek hat er den Speisesaal der Lagerverwaltung gereinigt und entkam so den todbringenden Baustellen. Er fand hier und dort Speisereste, waehrend die KZ Haeftlinge, die den ganzen Tag riesige Steine schleppen mussten, lediglich den Tod fanden. Von den Arbeiterkolonnen, die auf die Baustellen geschickt wurden, sei kaum jemand zurueckgekommen, erzaehlt er. Im weiteren Verlauf des Krieges kam er nach Tschechien in dieSkoda-Werke, wo er bei der Reparatur deutscher Armeefahrzeuge eingesetzt wurde und nach Polen zum Bau von Panzersperren, die acht Meter tief in die Erde gegraben werden mussten, um die vorrueckenden Russen aufzuhalten. Sein Zwangsarbeiterhorror setzte sich als Haeftling des KZ Buchenwald fort, als er, im Arbeitslager Dora interniert, in die Produktionsstaetten der V2 Raketen kam. Der Horror von Zwangsarbeit und Konzentrationslagern schien fuer ihn ein Ende zu finden, als er im KZ Ravensbrueck auf einen Gueterzug des schwedischen Roten Kreuzes kam. Folke Bernadotte hatte eine Rettungsaktion fuer skandinavische KZ Haeftlinge eingefaedelt und konnte diese schliesslich auch auf juedische KZ Insassen des Konzentrationslagers Ravensbrueck ausdehnen. In dem Lager, in dem mehrheitlich Frauen interniert waren, befand sich auch Ephraim P. Bei einer Deportation zum Ende des Krieges wurde der Zug, mit dem er und andere Haeftlinge verlegt wurden, aufgrund von Luftangriffen auf Hamburg aufgehalten. Er erinnert sich, dass der Zug zum stehen gekommen sei und gewaltige Explosionen und Flakfeuer aus allen Richtungen zu hoeren gewesen seien. Ihm gelang es im Tumult mit einem Kammeraden vom Zug zu springen und in die Waelder zu entkommen. Als sie der Hunger in ein deutsches Dorf getrieben hat, wurden sie von Militaerpolizisten aufgegriffen, verpruegelt und nach Ravensbrueck gebracht. Von dort gelangte er schliesslich mit dem schwedischen Roten Kreuz nach Ludwigslust in ein Lager, von dem es weiter nach Schweden gehen sollte. Gerade mal 17 Jahre alt endete sein Alptraum dort mit der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner. Noch bevor er auf die rettenden Zuege von Folke Bernadotte kam, wurde er von einem Kapo in Ravensbrueck hart geschlagen, nachdem er sich geweigert hatte, die Zigaretten aus dem Paeckchen des Roten Kreuz herauszugeben.

Nach Kriegsende ist er in einer Wagenkolonne nach Polen zurueck. In Warschau hat er von zionistischen Aktivisten einen gefaelschten griechischen Pass erhalten, und ist mit einer Gruppe “griechischer” Fluechtlinge in die Tschechoslowakei gereist. Polnische Grenzer haetten den “Griechen” an der Grenze ihre Verpflegung genommen, erinnert sich Ephraim P. Von der Tschechoslowakei gelangte er ueber die tschechoslowakisch-deutsche Grenze nach Muenchen und Landsberg. Im Camp For Displaced Persons in Landsberg kam er mit den Aktivisten der zionistischen Bewegung HaShomer HaTzair (Junge Waechter) in Kontakt, die dort das Kibbuz “Mordechai Anilevitz” (benannt nach dem Kommandanten des Aufstandes im Warschauer Ghetto) fuehrten. Aufgrund der Ueberbelegung des Lagers in Landsberg kam Ephraim P. nach Biberach ins Jordanbad, an das er sich noch lebhaft erinnert. Er wurde dort schliesslich von einem Sekretaer des Kibbuz Mordechai Anilevitz aufgesucht und fuer die tschechoslowakisch-deutsche Grenze rekrutiert, wo er juedischen Fluechtlingen aus Osteuropa helfen sollte die amerikanische Besatzungszone in Deutschland zu erreichen. Die Fluchthilfebewegung Bricha half juedischen Holocaustueberlebenden illegal nach Palaestina zu gelangen. Ephraim P. erinnert sich an die Anstrengungen, Ueberlebende in die amerikanischen Besatzungszonen in Deutschland und Oesterreich zu schleussen, von wo sie zu den Fluechtlingsschiffen am Mittelmeer gelotst wurden.

Organisiert worden sei die illegale Flucht, so erzaehlt Ephraim P., von den zionistischen Bewegungen. Diese hatten eine ganze Reihe von Kibbuzen entlang der Fluchtrouten aufgebaut.

Er erzaehlt, dass er und einige Kammeraden die Ueberlebenden vor der tschechoslowakisch-deutschen Grenze uebergeben bekommen haetten. Die Fahrt zwischen den Stuetzpunkten auf der Fluchtroute zu den Haefen am Mittelmeer sei in Zuegen oder auch in Militaerfahrzeugen der juedischen Brigade verlaufen. Die Kaempfer der Brigade haetten sehr viel geholfen, sagt er. Sie seien Juden wie wir gewesen, schiebt er als Erklaerung nach. So ausdrueklich unerwuenscht dem Koenigreich die Flucht von Juden nach Palaestina war, so subversiv war die Unterstuetzung von Bricha durch juedische Soldaten im Dienst der britischen Armee. Ephraim P. hat Gruppen von Holocaustueberlebenden aus Osteuropa in die Camps for Displaced Persons in Bayern geleitet, wo sich Kibbuze gebildet hatten, die ihnen als Schleusenpunkte dienten. Ueberall, wo er war, sei die zionistische Bewegung HaShomer HaTzair engagiert gewesen. In Bayern sei er oft gewesen, wie er seinem Gedaechtnis entlocken kann, und in Muenchen, so ist er sich sicher, sei ein Museum unter Kontrolle der Fluchthelfer gestanden. Er erinnert er sich an die Kibbuze in Foehrenwald, Feldafing und Landsberg.

Seine Gruppen, so ist er sich sicher, seien im weiteren Verlauf ihrer Flucht nach Marseille gekommen, um dort an Bord der Fluechtlingsschiffe der Hagana zu gelangen. Ephraim P. selbst ist mit seiner letzten Gruppe, die er begleitet hat, bis zu einem Fluechtlingsschiff in Marseille gelangt. Und auch andere Bewohner und Bewohnerinnen von mir sind in Marseille an Bord der Schiffe gegangen, die von der paramilitaerischen Hagana zum Zweck der Flucht nach Palaestina erworben wurden.

Das Problem auf der Fluchtroute von Osteuropa nach Suedfrankreich sei der Grenzuebertritt gewesen, sagt Ephraim P. In den Zuegen in der amerikanischen Besatzungszone und in Frankreich wurde nicht wirklich nach illegalen Fluechtlingen kontrolliert und in den Armeefahrzeugen, die von der juedischen Brigade organisiert wurden, hatten sie freie Passage. Die tschechoslowakisch-deutsche Grenze bei Karlsbad musste dagegen zu Fuss ueberquert werden, durch den Wald entlang der Gleise und durch einen Tunnel. Fuer diesen Marsch mussten Ephraim P. und seine Kammeraden das Gelaende sehr gut kennen.

Interessant ist dabei, dass der Transfer ueber die Grenze in beide Richtungen lief. Juden aus Osteuropa, die, unterstuetzt von zionistischen Bewegungen, auf die Fluechtlingsschiffe des Mittelmeers gelangen wollten, in eine Richtung und osteuropaeische Juden, die zurueck in ihre Haeuser wollten in die andere Richtung.

Waehrend die Displaced Persons in der amerikanischen Besatzungszone auf viele Camps aufgeteilt waren, wurden die Juden in der britischen Besatzungszone in Bergen-Belsen gesammelt, um sie kontollieren zu koennen. Dem Koenigreich war viel daran gelegen, die Juden am Uebertritt der Zonengrenze zu hindern. Als Mandatsmacht in Palaestina war den Briten an den Einreiserestriktionen gelegen, die sie ueber das Mandatsgebiet verhaengt hatten, weshalb sie juedische Fluechtlingsbewegungen schon in Europa nach Moeglichkeit verhindern wollten.

Die Literatur weisst die Flucht ueber die amerikanische Besatzungszone in Oesterreich nach Italien als Hauptroute der Fluchtbewegung aus. Nach Kriegsende setzte die Hagana alles daran, Holocaustueberlebende zur Flucht in den Yishuv zu helfen. Ahron G., der beim R.E.M.E. Ingenieurscorps gedient hat, dass der juedischen Brigade zugeordnet war, half mit, Holocaustueberlebende aus Oesterreich nach Italien zu schleussen, von wo sie zu den Fluechtlingsschiffen gelangten. Er erzaehlt, dass die Brigade den Fluchthelfern Uniformen und Armeefahrzeuge gestellt hatte, um Holocaustueberlebende als Angehoerige des britischen Militaers getarnt aus der britischen Besatzungszone zu holen.

Fuer viele Juden, die nach Palaestina ausreisen wollten, war Oesterreich die Drehscheibe nach Italien. Dabei war der oesterreichisch-italienische Grenzuebertritt ueber weiter Strecken hinweg nur ueber einen Alpenpass moeglich. Als Befehlshaber fuer Bricha in der Sektion Oesterreich wurde Asher Ben-Natan von der Hagana gesandt. Ben-Natan wurde spaeter erster israelischer Botschafter in Deutschland und Gruender der israelisch-deutschen Gesellschaft.

Meine Bewohnerin Tova G. hat die Alpenpaesse mit 17 ueberqueert, nachdem sich die Familie auf den Weg von Bukarest nach Palaestina gemacht hat. Sie erzaehlt, dass ihre Route von Rumaenien nach Ungarn fuehrte, von wo sie Bricha Aktivisten dann ueber die gruene Grenze in den amerikanischen Sektor in Oesterreich geschleust haetten. Auf den Alpenpaessen lag Schnee und in Italien kamen sie in einem „Kibbuz“ bei Rom unter, der von der zionistischen Bewegung „Junge Zionisten“ kontrolliert wurde. Von dort gelangten sie schliesslich zu ihrem Schiff im Hafen von Neapel. Ihr ganzes Geld, dass sie hatten, war in der Unterwaesche ihrer Mutter versteckt.

Den umgekehrten Weg schlugen Maria C. Und ihre Mutter ein, denen es nach der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen Belsen noch gelungen ist, in den amerikanischen Sektor zu gelangen. Bricha Aktivisten halfen den Beiden ueber die deutsch-tschechoslowakische Grenze nach Karlsbad zu gelangen, wobei ihr Grenzuebertritt durch einen Wald fuehrte. Ueber Prag wurden sie weiter geschleusst, bis sie schliesslich zurueck in Lodz waren.

Fuer Ephraim P. endet die eigene Flucht im Internierungslager auf Zypern. Er gelangte in Marseille auf das Hagana Fluechtlingsschiff Yagur. Begeistert erzaehlt er von den Stuetzpunkten der Fluchtbewegung auf dem Weg nach Suedfrankreich. Als die Yagur in Haifa ankam, lag gerade eine frische Militaeroperation der Briten an. Ephraim P. sah den Hafen von Haifa mit Stacheldraht gesichert, kam auf ein Deportationsschiff, das gegen Ausbruch ebenfalls mit Stacheldraht gesichert war, und wurde nach Zypern gebracht, ins britische Internierungslager hinter Stacheldraht.

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