Das komplizierte Verhaeltnis zwischen dem Yishuv und der Mandatsmacht reicht bis in den ersten Weltkrieg zurueck, wo Briten gegen Tuerken gekaempft haben. Waehrend des Weltkrieges wurde in der britischen Armee auf Betreiben des Zionisten Wladimir Zeev Jabotinsky und des zaristischen Generals Yosef Trumpeldor eine juedische Legion geschaffen. Jabotinsky und Trumpeldor gelangten mit dem ersten juedischen Kampfverband seit weit zurueckliegenden Zeiten in das gelobte Land. Sie waren gewillt, einem juedischen Staat den Boden zu bereiten. Doch die Briten loesten die juedische Legion nach dem Sieg ueber das osmanische Reich auf. Das Anliegen, eine regulaere juedischen Streitkraft in Palaestina zu etablieren, wurde zerschlagen. Trumpeldor blieb im Tel Hai, wo der zum Symbol des juedischen Freiheitskampfes werden sollte. Jabotinsky wurde Begruender der revisionistischen zionistischen Bewegung, deren Ideologie dem nationalen Lager zu Grunde liegt, das heute in Israel regiert.
Die zionistische Bewegung verhielt sich bei Ausbruch des ersten Weltkrieges neutral. Tatsaechlich war ihr das Treiben von Jabotinsky ein Dorn im Auge. Doch dann kam es zu einem Versprechen von Seiten der Englaender, das in jeder Hinsicht Geschichte machen sollte.
Als der britische General Allenby gerade angefangen hatte, Palaestina von den Tuerken zu erobern und bereits Beer Sheva eingenommen hatte, empfing die zionistische Weltorganisation die Garantie fuer einen eigenen Staat. In der Balfour-Deklaration erklaerten sich die Briten mit den Bestrebungen der Zionisten nach Errichtung einer Heimstaette fuer das juedische Volk in Palaestina einverstanden. Nach dem ersten Weltkrieg bekamen die Briten auf der Konferenz von San Remo 20 das Voelkerbungsmandat fuer Palaestina zugesprochen. Der Auftrag des Mandates war die Schaffung einer nationalen Heimstaette fuer das juedische Volk.
23 teilten die Briten das Mandatsgebiet und machten die Gebiete oestlich des Jordans zum Protektorat Transjordanien, aus dem der spaetere Staat Jordanien hervorging. Es wird oft vergessen, dass in Palaestina unter britischem Mandat bereits ein arabischer Staat gegruendet wurde. Vom Mandatsbegiet blieben nach Abspaltung des Protektorats die Gebiete westlich des Jordans uebrig. Die Briten adoptierten im Laufe der Zeit ihres Mandats eine zunehmend antizionistische Politik in Palaestina. Nachdem es ab 36 zu arabischen Aufstaenden kam, wurde die Balfour-Deklaration faktisch aufgehoben und statt den Verpflichtungen des Mandates nachzukommen und eine juedische Heimstaette zu schaffen, begannen die Briten die Einwaderung zu kappen. Meine Bewohnerinnen und Bewohner im Heim, die nach 36 ins Land gekommen sind, mussten sich ihre Einreisezertifikate teuer erkaufen. 37 schlug die Peel-Kommission eine Teilung des verbliebenen Gebietes in einen juedischen und einen arabischen Staat vor. 38 befand eine weitere Kommission unter dem Eindruck der Aufstaende, dass eine Teilung nicht durchfuehrbar sei und 39 wurde der Plan voellig aufgegeben. Statt dessen kam es zum Weissbuch, das die weitere Einreise von Juden nach Palaestina stark reglementierte und ihnen nur in einem verschwindend kleinen Teil des Mandatgebietes den Erwerb von Boden und die Ansiedlung gestattete. Die Weissbuchpolitik wurde von der Hagana mit der illegalen Einreise und der Errichtung von “Turm und Mauer” Siedlungen bekaempft.
Die Einreiserestriktionen des Weissbuchs machten es nun quasi unmoeglich als Jude nach Palaestina zu gelangen. Ich habe eine Hand voll Bewohnerinnen, deren Familien es durch die Aufbringung eines Vermoegens noch geschafft haben, die Briten zur Ausstellung von Zertifikaten zu erweichen. Sie stammen aus reichen, bzw. sehr reichen Familien. Meine Bewohnerin Rosa B. stammt aus einer der reichsten juedischen Familien in Polen, wie sie sagt. Sie gelangten noch 40 an gefaelschte Ausreisevisa fuer Suedamerika und offizielle Einreisezertifikate fuer Palaestina. Ihre Flucht fuehrte von Lodz nach Wien und von Triest nach Piraeus. Von dort ueber Konstantinopel und den Landweg ueber das franzoesische Mandatsgebiet Syrien nach Palaestina. Rosa B. hatte einen kleinen Sohn bei sich. Wer sich zu spaet zur Flucht entschlossen hatte und diese trotzdem noch bis zu einem Hafen bewerkstelligen konnte, aber kein Vermoegen fuer rettende Einreisepapiere aufbringen konnte, musste die illegale Einwanderung riskieren.
Der Onkel und die Tante der privaten Betreuerin Ruth A. entkamen noch 39 ueber die Grenze nach Bratislava aus Deutschland. Sie gelangten auf Schiffen ueber die Donau und das schwarze Meer an den Hafen von Haifa. Die Bedingungen ihrer Ueberfahrt waren katastrophal und in Palaestina wurden sie von den Englaendern auf das Gefaengnisschiff Patria gezwungen, das sie nach Mauritius deportieren sollte. Die Grosseltern von Ruth A. warteten am Hafen von Haifa vergebens auf ihren Sohn und ihre Schwiegertochter. Die Hagana schmuggelte Sprengstoff an Bord und verschaetzte sich mit der Menge derart, dass viele Fluechtlinge auf der Patria den Tod fanden. Darunter auch der Onkel und die Tante von Ruth A.
Mit dem zweiten Weltkrieg wurde das Verhaeltnis zwischen Mandatsmacht und Yishuv richtig zwiespaeltig. In Palaestina verbuendete sich die paramilitaerische Hagana mit den Briten im Kampf gegen die Achsenmaechte und viele Mitglieder der Hagana meldeten sich freiwillig fuer die britische Armee. Der Yishuv stellte seinen Teil der 1,5 Millionen Juden, die im zweiten Weltkrieg fuer die Alliierten gekaempft haben. Meine Bewohnerin Edith Z. war eine der juedischen Frauen, die sich in Palaestina fuer die britische Armee rekrutieren liesen. Sie hat in El Alamein gegen die Nazis gekaempft.
Erst 44 wurde in der britischen Armee nach langem Draengen die juedische Brigade gegruendet mit eigenen juedischen Abzeichen.
Mein Bewohner Ahron G., der in Koeln geboren ist und dank der Jugendaliya 38 noch nach Palaestina kam, trat nach seiner Einwanderung der juedischen Untergrungdarmee Hagana bei, die waehrend des zweiten Weltkrieges die Briten im Kampf gegen die Achsenmaechte unterstuetzte. Nachdem er sich fuer die britische Armee rekrutieren liess, erreichte er mit dem R.E.M.E. Ingenieurscorps, das der juedischen Brigade zugeteilt war, gerade noch rechtzeitig Italien, um am Senio gegen deutsche Fallschirmjaeger zu kaempfen. Nach Kriegsende wurde er mit der Brigade an die oesterreichisch- italienische Grenze und spaeter nach Rotterdam verlegt.
Ein Bewohner, auf dessen Namen ich verzichten moechte, hat ueber seinem Bett ein Bild von sich und seinem Bruder haengen, das die Beiden mit den Abzeichen der juedischen Brigade zeigt. Seine fuenf Orden liegen in der zweiten Schublade seines Nachttisches. Nach dem Ausscheiden aus der Brigade, so erzaehlt mir der juedische Weltkriegsveteran, sei er in Frankreich und Deutschland mit einer der kleinen Gruppen unterwegs gewesen, wie er es nennt. Leider gibt sein Gedaechtnis nur wenige Details zu dieser Zeit her. Wenn man seine abgerissenen Erinnerungsfetzen zusammengepuzzelt hat, hat sein Rachetrupp gezielt nach Gestapo Mitgliedern gesucht. Hinweise bekamen sie aus der deutschen Bevoelkerung.
Im Yishuv formierte sich waehrend des zweiten Weltkrieges ein juedischer Kampfverband, der im Gegensatz zur Hagana aus stehenden Einheiten bestand und fuer offensive Aktionen mobilisiert werden konnte. 41 wurden die paramilitaerischen “Einsatzgruppen” Palmach gegruendet und militaerisch geschult. Nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges und dem Vorruecken der Deutschen ging im Yishuv und bei der Mandatsmacht die Sorge um, dass die Nazis und ihre Verbuendeten auch nach Palaestina gelangen wuerden. Rommel war in Nordafrika auf dem Vormarsch und die Truppen von Vichy-Frankreich standen in Syrien und im Libanon. Die Briten verstaendigten sich mit der Hagana auf den Aufbau des Palmach, um im Falle eines Einmarsch die Achsenmaechte zu bekaempfen und leisteten finanzielle und logistische Unterstuetzung. Oberkommandant des Palmach wurde Yitzhak Sadeh und sein Stellvertreter Yigal Allon. Die Aufstellung des Palmach beginnt mit der Rekrutierung von 23 juedische Kaempfern durch die Briten fuer eine gemeinsame Militaeraktion. Die Zusammenarbeit wurde offiziell mit der Jewish Agency abgesprochen. Ziel der ersten gemeinsamen Militaeraktion war eine Sabotage hinter den feindlichen Linien in Syrien, wozu das gemischte Kommando mit einem Schiff an die syrische Kueste gebracht werden sollte. Das Schiff verschwand und die Kaempfer wurden nie wieder gesehen. Die Aktion war der Auftakt zu einer militaerischen Zusammenarbeit zwischen der britischen Armee und dem juedischen Gemeinwesen in Palaestina und wurde zum Symbol fuer die Bereitschaft der Juden, sich den Nazis und ihren Verbuendeten im Kampf zu stellen. Mitglieder des Palmach kamen bei Ausspaehaktionen und schliesslich bei der Invasion des Libanons und Syriens zum Einsatz, wo sie in einer Einheit mit australischen Sodaten der britischen Armee kaempften. Neben Yigal Allon war ein weiterer legendaerer Kommandant des Palmach, Moshe Dayan, bei der Invasion dabei. Dayan verlor bei der Militaeroperation ein Auge.
Nachdem sie bei El Alameim siegreich waren, hatten die Briten kein weiteres Interesse an den Einsatzgruppen und kuendigten den Palmach auf. Im Yishuv wurde aber bereits an den ersehnten Zeitpunkt gedacht, da die Briten abziehen wuerden. Um den Schutz des angestrebten juedischen Staates nach Abzug des Mandatars zu gewaehrleisten, brauchte es eine Eliteeinheit, deren Faehigkeiten ueber den Schutz einzelner Siedlungen hinausreichte. Um den Palmach nach Wegfall der britischen Unterstuetzung weiter zu finanzieren, wurden die Mitglieder zu Gruppen zusammengefasst und auf Kibbuze aufgeteilt. Je zwei Wochen im Monat arbeiteten die Palmachniks im Kibbuz mit und je zwei Wochen wurden sie dort militaerisch trainiert. Die enge Verbindung zwischen der Kibbuzbewegung und dem Palmach war ohnehin gegeben, da die meisten Rekruten der Einsatzgruppen aus den Kollektivsiedlungen kamen.
Zwei meiner Bewohner, zufaellig Zimmernachbarn, waren beide bei diesen ersten Eliteeinheiten der Hagana. Ausserdem ein Mann aus dem betreuten Wohnen, dessen Frau bei mir auf der Pflegestation liegt. Die beiden Bettnachbarn kamen erst nach dem Krieg ins Land und ihre Zeit landwirtschaftlicher und ihre militaerischer Schulung in den Kibbutzen fiel entsprechend kurz aus. Moshe G., ein Ueberlebender des Konzentrationslagers Auschwitz, wurde erst im Verlauf des Befreiungskrieges mit anderen Neueinwanderern zur Verstaerkung einer der Palmach Brigaden rekrutiert. Akiva L., einer der ganz wenigen Bewohner des Heims, die im Land geborend sind, kam noch waehrend des zweiten Weltkrieges zum Palmach.
Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges schlossen sich Hagana und Palmach mit der revisionistischen Militaerorganisationen Etzel und der Terrorgruppe Lehi zum hebraeischen Widerstand zusammen, um die britische Militaerverwaltung aus dem Untergrund zu bekaempfen. Entgegen der Erwartungen der zionistischen Bewegung und den Hoffnungen der sozialistischen Fuehrungsriege des Yishuv hielten die Briten auch nach Ende des zweiten Weltkrieges ihre Einwanderungsblockade aufrecht und festigten ihre antizionistische Politik. Fuer hunderttausende Holocaustueberlebende in Europa waren die Tore in den Yishuv versperrt und die nationale Heimstaette schien unter britischer Mandatsverwaltung nicht einloesbar. Der hebraeische Widerstand setzte darauf, die Briten in die Ueberdruessigkeit zu sprengen. (Eine ausfuehrliche Beschreibung des Etzel und des hebraeischen Widerstandes folgt im Rahmen des 17. Kapitels)
Als die Briten ihr Mandat dann tatsaechlich an die UN zurueckgaben, wurde im Sicherheitsrat 47 die Teilung des Mandatgebiets in einen juedischen und einen arabischen Staat beschlossen. Die ueberschwengliche Begeisterung unter den Juden wich schon bald der Besorgnis. Die palaestinensischen Araber griffen als Reaktion auf den Teilungsplan zu den Waffen. Im Mandatsgebiet brach der juedisch-arabische Buergerkrieg aus. Er sollte den Auftakt zu einem Befreiungskrieg fuer das juedische Gemeinwesen werden, in dessen Verlauf sich die Juden nicht nur gegen lokale Milizen und Banden, sondern auch gegen regulaere Armeen behaupten sollten.
Ben Gurion war sich schon frueh sicher, dass die Deklaration eines souveraenen juedischen Staates zu einer militaerische Auseinandersetzung mit den Streitkraeften der Nachbarlaender fuehren wuerde. Und tatsaechlich machten die Nachbarstaaten klar, einem juedischen Staat mit vernichtender Gewalt zu begegnen. Entsprechend fieberhaft wurde im Yishuv die Rekrutierung und Bewaffnung vorangetrieben.
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