Israel – pt.6(1)/24 || Von Kishiniev nach Teheran

Hinsichtlich des Existenzrechtes Israels wird oft kolportiert, dass der Staat als Folge des Holocaust gegruendet worden sei. Ich moechte mich in diesem Kapitel naeher mit dieser Ansicht beschaeftigen.

In keinem Land kann den Verbindungen, die zwischen dem Holocaust und Israel bestehen, besser nachgegangen werden, als in Israel.
Im vorliegenden ersten Teil des Kapitels geht es um den Holocaust und Formen des juedischen Widerstandes.

Hitlers willige Helfer, die Millionen Juden vernichteten, teilten den Antisemitismus, der 03 zu den Pogromen von Kishinev fuehrte und heute die iranische Agenda einer Welt ohne Zionismus bestimmt.
Im zweiten Teil des Kapitels geht es um den Zusammenhang von Antisemitismus und Zionismus seit den 1880er Jahren.

Der Antisemitismus ist mit dem Ende des zweiten Weltkrieges nicht verschwunden. Er besteht im Kern weiter und bedroht das Ueberleben des juedischen Staates seit dessen Gruendung.
Im dritten und vierten Kapitel geht es um die existentielle Bedrohung Israels seit 48.
Ich moechte in diesem Kapitel die Annahme widerlegen, dass Israel als Folge des Holocaust gegruendet wurde. Indem ich widerlege, moechte ich aufzeigen, dass die notwendige Folge des Holocaust eine ueberlegene israelische Streitmacht ist.

In Israel finden sich noch einige Ueberlebende des Holocaust und manche dieser Ueberlebenden verbringen ihren Lebensabend im Heim, in dem ich arbeite.
Im tagtaeglichen Umgang mit den Menschen, die die Shoa ueberlebten, erfuhr ich von den unfassbaren Schicksalen, die sie zu durchleiden hatten.
Ausserdem erfahre ich hier in Israel auch die kollektive Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Es ist kein Gedenkzirkus, wie wir ihn aus Deutschland kennen, wo erinnert wird, ohne zu irgendeiner Erkenntnis zu gelangen, sondern eine auf Konsequenzen zielende Auseinandersetzung, die zu verstehen sehr wichtig ist, um Israel zu verstehen.

Bei einer Veranstaltung der Deutsch Israelischen Gesellschaft, bei der ich mich engagiere, wurde Amos Hausner eingeladen, der Sohn von Gideon Hausner, dem Hauptanklaeger im Eichmann Prozess. Er hat aus einer persoenlichen Sicht vom Leben und Wirken seines Vaters erzaehlt. Er hat die Probleme des Anklaegers Gideon Hausner geschildert, die Ueberlebenden des Holocaust in den Zeugenstand zu bewegen. Die persoenliche Aufarbeitung des Holocaust fiel vielen Ueberlebenden sehr schwer. Viele waren sich sicher, dass sie nicht aussagen koennten. Zu gross war der Horror, den sie tief in sich begraben hatten, um ihn fuer die Anklage aufzubearbeiten. Ich empfehle jedem empfehlen, die von Yad Vashem auf youtube gestellten Mitschnitte des Eichmann Prozess anzuschauen.

Als ich meinen Bewohner Ephraim P. gefragt habe, ob er sich darum bemueht haette, dem Prozess gegen Eichmann im Gerichtssaal beizuwohnen, meinte er, dass er dies auf keinen Fall gewollt haette. Ich habe ihn gefragt, ob es stimme, dass viele Holocaustueberlebende nicht reden wollten. Er sagte, dass es auf ihn auf jeden Fall zutraefe. Er wollte es so weit wie moeglich verdraengen.
Der Eichmann Prozess haette Israel gepraegt, sagt mir Talia, eine Sozialwissenschaftlerin aus Tel Aviv. Sie ist die Tochter meiner Bewohnerin Ada R. und als wir uns eines Tages in einem Cafe getroffen haben, erzaehlte ich ihr von der Veranstaltung mit Haussner und sie mir als Zeitzeugin von den Auswirkungen des Prozess auf die israelische Gesellschaft. Ihre Mutter selbst hat nicht ueber den Holocaust gesprochen und in der Gesellschaft herrschte eine sehr abwehrende Haltung gegenueber der Aufarbeitung vor. Die Ueberlebenden erfuhren eine subtile Form der Abwertung, da ihre Erfahrungen als Opfer nicht zum Selbstverstaendnis der modernen Makkabaerer passte. Erst der Prozess brachte die Mauer aus Schmerz und Scham zum Einsturz und integrierte die Shoa mit den Ueberlebenden in den juedischen Staat.

Die Bewohnerin Chaia S. kommt aus Chorzow in Oberschlesien. Wie viele meiner Bewohnerinnen und Bewohner aus Schlesien, der Bukowina oder Siebenbuergen war sie aus einer Familie sich zum Deutschtum bekennender Juden, deren Umgangssprache Deutsch war und die im Grunde auch zu den mitteleuropaeischen Auswanderern der fuenften Aliya zu zaehlen sind. Das sind Menschen, deren Naziplage jene Volksdeutschen waren, die in Deutschland als Vertriebene gerne zu den Opfern des zweiten Weltkrieges gezaehlt werden. Ausserhalb des Heimes habe ich mit den beiden Grossmuettern und einem Grossvater meiner ehemaligen Freundin kulturdeutsche Juden aus der Bukowina kennengelernt, mit denen ich mich auf Deutsch unterhalten konnte. Sie haetten die deutsche Kultur verinnerlicht, sagen sie. Auch Chaia S. sagt das von sich und demonstriert es zu jeder sich bietenden Gelegenheit.

Chaia S. hat eine Massenerschiesung durch die Wehrmacht ueberlebt, indem sie sich tot gestellt hat. Ihre Eltern und ihre Familie kamen im Kugelhagel um, waehrend sich die Volksdeutschen gefreut haben, dass Chorzow als Koenigshuette ins Reich kam.
Chaia S. kam als Zwangsarbeiterin auf einen Hof in der Oberpfalz, weil sie verschwiegen hat, dass sie Juedin ist, als sie von deutschen Soldaten auf der Strasse aufgegriffen wurde. Auf dem Hof, auf dem auch andere polnische Zwangsarbeiter und franzoesische Kriegsgefangene waren, hatte sie Jahre lang Todesangst, als Juedin erkannt zu werden. Der Gutsherr war ein ueberzeugter Nazi mit einer SA Taetowierung am Oberarm. Als sie nach dem Einmarsch der Amerikaner vom Hof gegangen ist, hat sie ihm eroeffnet, dass sie Juedin ist. Sie sagt, dass sie sich oft ueberlegt haette, wie sie durch das Fenster springen wuerde, wenn sie auffliegt. Vom Holocaust hatte sie eine ungefaehre Vorstellung, da die polnischen Zwangsarbeiter ein kleines Radio versteckt hielten und auslaendische Nachrichten hoerten. Ihr Mann war Zwangsarbeiter bei Messerschmitt in der Oberpfalz. Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner gelang ihm die Flucht. Er versteckte sich in einem Huehnerstall und bekam Thyphus. Als er sich den einrueckenden amerikanischen Truppen vor die Fuesse warf, konnten diese nicht glauben, was sie sahen. Sie brachten ihn in ein Krankenhaus und er ueberlebte. Dann machten sie ihn zum Buergermeister der Gemeinde, auf deren Mark er sich versteckt hatte. Dort lernten sich die Beiden kennen.

Sie hat mit das an einem Nachmittag erzaehlt, als ich mit ihr und Regina K. am Tisch sass. Regina K. aus Berlin erzaehlte dabei, wie sie 38 als Dienstmaedchen nach England geschickt worden sei. Dank der vermittelten Anstellung bei einer juedischen Familie auf der Insel gelangte Regina K. noch an Papiere, die ihr die Ausreise ermoeglichten. Ausloeser fuer ihre Flucht war die Reichspogromnacht, die sie noch in Berlin erlebt hatte. Als die Nazis von Haus zu Haus gingen, um die Juden aus ihren Wohnungen zu holen, ging ihre blonde Schwester an die Tuer, um zu den Schergen zu erzaehlen, dass die Juden im Haus schon abgeholt worden waeren. Die Eltern von Regina K. und ihre Schwester ueberlebten den Krieg indes nicht. Sie wurden in einem deutschen Vernichtungslager ermordet.

Ausstellungsstueck im Museum von Lochamei HaGetaot

Die "Weisen von Zion" als Nazi-Propaganda

Eigentlich haetten sie es ganz schoen in Berlin gehabt, versucht Regina K. zu erklaeren, als ich wissen wollte, warum sich die Familie nicht zur Flucht entschlossen haetten, als dies noch moeglich gewesen sei. Sie wohnten in einem grossen Eckhaus und kamen mit den Nachbarn gut aus. Der Vater hatte eine ordentliche Anstellung und fuer das Shabbatmahl kauften sie in der koscheren Metzgerei Suelze. Auch Lea G. aus Wien erzaehlt, dass fuer ihre Familie Flucht kein Thema gewesen sei. Selbst als Oesterreich ins Reich geholt wurde, konnten sich die Eltern nicht zu der lebensrettenden Entscheidung durchringen. Die Familie hatte Geld und Wien die Kultur, nach der es ihnen verlangte. Erst 39 traten sie schliesslich die Flucht an. Die Mutter von Ernest S. entschloss sich nach der Reichspogromnacht ihn und seine Schwester zu Freunden nach Frankreich zu schicken. Der renomierte Akademiker Ernest S., heute Bewohner in meinem Heim, hat 2004 sein Tagebuch, das er zu jener Zeit in Frankreich angefangen hat, zusammen mit den Aufzeichnungen seiner Mutter und Briefen seines Vaters als Buch „Jugend auf der Flucht“ herausgegeben. Das Buch beschreibt eindrucksvoll den Raub von Heimat und Kindheit, den so viele Jugendliche nach ihrer Flucht aus Deutschland zu verarbeiten hatten. Von Rosa B., deren Familie Polen 40 noch verlassen konnte, habe ich bereits geschrieben. Auch von Henni R., deren Familie sich lange nicht von den Fleischtoepfen trennen konnte.

Hanna, eine Freiwillige von der israelischen Polizei, die an zwei Tagen in der Woche einen Handarbeitskurs fuer die Bewohnerinnen und Bewohner der Pflegestation betreut, pflegt zu Hause eine kleine Shoa-Buecherei, wie sie es nennt. Ihre Eltern sind beide Holocaustueberlebende. Beide sind die jeweils einigen Ueberlebenden ihrer Familien. Ihre Mutter wurde im Alter von 11 Jahren Zwangsarbeiterin. Die Familie wurde gezwungen im Ghetto Warschau zu wohnen. Vom Gelaende aus konnte sie eines Tages beobachten, wie ihre Eltern von den Nazis zum Umschlagsplatz gebracht wurden – die Mutter mit dem Baby auf dem Arm. Es war das letzte Mal, dass sie sie gesehen hat. Die Transporte gingen nach Treblinka.

Aus Zeugenberichten aus erster und zweiter Hand habe ich Geschichten aus Ghettos und aus Konzentrationslagern gehoert, die ich aufgrund ihrer Grausamkeit nicht wiedergeben moechte. Kinder, die ihren Eltern entrissen und in den Tod geschickt wurden.

Es gibt in Israel einen offiziellen Holocaustgedenktag, an dem fuer zwei Minuten die Sirenen toenen und das Leben zum Stillstand bringen. Von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang gibt es eine Reihe bewegender Zeremonien im Land, das waehrend dieser Zeit bleischwer wirkt. Alle Vergnuegungsbetriebe bis hin zu Supermaerkten sind am Abend geschlossen und im Fernsehen laufen Dokumentationen der Shoa, waehrend die Sport- und Musiksender off sind. Diesen Tag im Elternheim zu erleben ist unendlich beklemmend. Die Bewohnerinnen und Bewohner selbst sind der millionenfachen Judenvernichtung entgangen, waehrend ihre Bekannten, Freunde, Onkel, Tanten, Vettern, Cousinen Hitlers willigen Helfern zum Opfer gefallen sind. Viele Bewohnerinnen und Bewohnern haben die naechsten Verwandten, Geschwister, Eltern und Grosseltern verloren. Sechs Millionen Tote sind nicht begreifbar. Die tatsaechlichen Menschen, denen die Haeftlingsnummer des KZ Ausschwitz eintaetowiert ist und die Bewohnerinnen und Bewohner des Heims, die ihre Familien in der Schoah verloren haben, verleihen dem Horror eine Kontur.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist in Israel ueber den Erinnerungstag hianaus stets praesent. Die Shoa als buerokratisch geplanter und industriell ausgefuehrter sechsmillionenfacher Masenmord wird so weit wie moeglich aufgearbeitet.

Das Kibbuz Lohamei HaGetaot (Die Ghettokaempfer) erinnert in besonderer Weise an die Shoa. Im Kibbuz steht das erste Holocaustmuseum der Welt. Es befasst sich mit dem Holocaust und dem juedischen Widerstand. Die Ausstellung Yad HaYeled (Die Kinderhand) fuehrt durch das Schicksal der Kinder im Holocaust. Der Kibbuz wurde von den ueberlebenden Widerstandskaempfern des Aufstandes im Ghetto Warschau und Partisanen gegruendet, die im zweiten Weltkrieg gegen die Nazis gekaempft haben. Das Ghettokaempfer Museum gibt einen Ueberblick ueber die vielfaeltigen Formen des juedischen Widerstandes gegen die Nazis. Ein Schwerpunkt ist die Ausstellung ueber das Ghetto Warschau und den Aufstand. Die Ausstellung eroeffnet einen bedrueckenden Blick auf das Leben im Ghetto, wo eine halbe Million Juden auf 2,4% des Stadtgebietes leben mussten und befasst sich daran anschliessend mit den vielfaeltigen Formen des nicht-militaerischen Widerstandes. Ab 42 kam es nach dem Beschluss der Endloesung zur Deportation von Hunderttausenden aus dem Ghetto in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Detailliert wird im Museum der Ghettokaempfer dargelegt, wie es darauf zur Organisation der juedischen Kampforganisation ZOB kam, die von zionistischen Jugendbewegungen (wie dem HaShomer HaTzair) initiiert wurde. Der heroische Kampf der Juden unter der Fuehrung von Mordechai Anilevitz, die nicht wie Laemmer zur Schlachtbank getrieben werden wollten, wird sehr ausfuehrlich dargestellt. Es gelang den Nazis so sehr zuzusetzen, dass die Liquidation des Ghettos weit herausgezoegert werden konnte. Nur sehr wenige der Widerstandskaempfer ueberlebten.

Der Leidensweg aller meine polnischen Bewohnerinnen und Bewohner, die den Holocaust ueberlebt haben, hat einem der Ghettos angefangen. Viele sahen den Umschlagsplatz in Warschau, den ich mir als Tourist angeschaut habe, als Gefangene der Mordmaschinerie der Nazis. Alle meine polnischen Bewohnerinnen, die waehrend des zweiten Weltkrieges den Deutschen in die Haende fielen, wurden in ein Ghetto gezwungen und von dort jeweils in Konzentrationslager deportiert.

Zwei Monate, bevor ich nach Israel gezogen bin, habe ich die Museen Auschwitz besucht, das Konzentrationslager Auschwitz I und das Vernichtungslager Ausschwitz II.
An einem Abend in Israel, als ich mit der Familie meiner ehemaligen Freundin beim Abendessen sass, erzaehlte ihr Cousin von seinem Schulbesuch in Ausschwitz. Als er Bilder zeigte, die er gemacht hatte, konnte die Grossmutter diese in besonderer Weise erklaeren. Die Kulturdeutsche aus der Bukowina ist eine der Ueberlebenden des geschaeftigsten aller Vernichtungslager. Die Bilder wuehlten ihre Erinnerungen sichtbar auf.

Als ich Rena W. aus Lodz fragte, wie sie den Krieg ab dem Einmarsch der Deutschen in Polen erlebt haette, gab sie mir zunaechst ein Buch “Ghetto Litzmannstadt. Das letzte Ghetto”. Es ist ein Begleitbuch zu einer Ausstellung in Yad Vashem ueber das Ghetto in Lodz, das von April 40 bis August 44 bestand. Das Buch beschreibt die Hoffnung der Bewohnerinnen und Bewohner des Ghettos durch die Verrichtung kriegswichtiger Arbeit fuer die Deutschen den Krieg zu ueberleben. Ueber die Jahre kam es zur maximalen Mobilisierung der Bewohnerinnen des Ghetto Litzmannstadt zur Arbeit, die unter schlechtesten Bedingungen verrichtet werden musste. Die Sterblichkeit im Ghetto lag 42 bei 16 pro 100. Die Ausstellung beschreibt das Leben im Ghetto aus der Sicht der internierten Juden. Sie eroertert die Anstrengungen, um Menschlichkeit , Mitgefuehl und ueberhaupt den juedischen Ethos in der Hoelle des Ghettos zu erhalten. Zu der Lebendigkeit gehoerten die verborgenen musikalischen Aktivitaeten, Theatervorstellungen, Kunst, Lesungen und auch die Pflege der religioesen Gebraeuche. Widerstand in Form von Zeitungen, Krankenfuersorge, Suppenkuechen und Jugendarbeit werden ebenfalls aufgezeigt. All die Aktivitaeten kamen trotz Erschoepfung und Hunger zu Stande.

Nur ca. 10.000 Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt haben den Krieg ueberlebt. Von ca. 204.000 Ghettobewohnerinnen und -bewohnern wurden ca. 77.000 ins Vernichtungslager Chelmo deportiert, ca. 43.500 starben an Hunger und Krankheit, 11.000 wurden in verschiedene Arbeitslager deportiert, wo die Meisten von ihnen den Tod fanden. Im August 44 wurde das Ghetto liquidiert und ca. 65.000 Bewohnerinnen und Bewohner nach Auschwitz deportiert, wo die Meisten von ihnen vernichtet wurden. Die anderen kamen in Zwangsarbeiterlagern in Ausschwitz oder auf Todesmaerschen um.

Rena W., die sich ins betreute Wohnen des Heims eingemietet hat und manchmal ihre polnischen Freundinnen besucht, die sie noch aus Lodz kennt, erzaehlt mir, dass sie selbst auch unter denjenigen gewesen sei, die im August 44 nach Ausschwitz deportiert wurde. Von dort kam sie nach nur vier Tagen mit einem weiteren Transport ins Konzentrationslager Stutthof. Von Stutthof wurde sie als Zwangsarbeiterin nach Dresden gebracht und erlebt dort den Feuersturm auf die Stadt, den sie mit zweihundert anderen juedischen Zwangsarbeitern in einem Luftschutzkeller ueberlebte. Von Dresden wurden die Zwangsarbeiter dann auf einen Todesmarsch ins Konzentrationslager Theresienstadt gezwungen. Auf dem Weg verlor sie ihren Bruder. Als Theresienstadt befreit wurde, gehoerte sie zu den Ueberlebenden.

Im Gegensatz zum Ghetto Warschau oder Wilna gab es in Lodz keinen militaerischen Widerstand. “Wir waren gute Kinder”, sagt Rena W. mit bitterem Zynismus.
Von Januar bis Mai 42 mussten Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt fuer Transporte ausselektiert werden. Anfang 42 wurden die Selektion noch der juedischen Ghettoverwaltung aufgetragen. Es ist wohl nicht ganz klar, ob und wem zu dieser Zeit in dem besonders hermetisch abgeriegelten Ghetto bekannt war, wohin die Transporte gehen sollten. Die Schwester von Rena W. erkrankte in dieser Zeit an Tuberkolose. Die kranke Schwester wurde in Decken gepackt und die Familie legte ein ganzes Brot auf den Tisch. Ein ganzes Brot sei mehr wert gewesen als alles andere, erzaehlt Rena W. und tatsaechlich lies sich die juedische Ghettopolizei damit bestechen. Die Schwester aber starb wenige Tage spaeter.
Ein Jude, der aus dem Vernichtungslager Chelmo fluechten konnte, gab Anfang 42 im Ghetto Warschau detaillierte Auskunft ueber den Massenmord im Vernichtungslager. Mitte 42 wurde aufgezeichnet, dass Mordechai Anilewitz, der sich auf einer Mission nach Zaglebie befand die Geruechte ueber Chelmo bestaetigen konnte.

Berichte ueber Massenmorde verbreiteten sich schon ab 41 durch Emisaere der Jugendbewegungen und durch die verborgene Presse in den Ghettos. Nach der bekannt gewordenen Ermordung von Deportierten aus dem Ghetto Wilna, wurde Anfang 42 von dort ausgehend durch die Jugendbewegungen die Einschaetzung verbreitet, dass alle Juden in Europa vernichtet werden sollten. Die Annahme setzte sich allmaehlich als Gewissheit durch.

Sicher ist, dass auch die Bewohnerinnen des Ghettos Litzmannstadt im September 42, als die Deportationen wieder aufgenommen wurden, sicher wussten, dass die Transporte in Tod fuehren.

Die Erinnerungen von Rena W. an das Leben im Ghetto Litzmannstadt sind traumatisch. Die ertsen zwei Jahre ging sie zur Schule, die von der Ghettoverwaltung betrieben wurde. Ihrer Mutter sei es sehr wichtig gewesen, dass sie lernen wuerde, um nach dem Krieg studieren zu koennen, erinnert sie sich. In der Schule gab es am Anfang Suppe und Kotletts fuer die Schuelerinnen und Schueler, dann wurden zunaechst die Kotletts gestrichen und spaeter auch die Supppe. Schliesslich wurde die Schule liquidiert. Sie selbst begann in einer Naeherei zu arbeiten. Die Arbeitsbedingungen waren unmenschlich und forderte viele Menschenleben. Doch war im Ghetto die Ansicht verbreteitet, dass die Arbeit vor den Deportationen schuetzte. Als diese im September 42 wieder aufgenommen worden seien, bestaetigt Rena W. waere den Bewohnerinnen und Bewohnern des Ghettos klar gewesen, dass die Transporte in den Tod gehen wuerden. Alle Bewohnerinnen und Bewohner haetten sich vor den Haeusern aufstellen muessen, erinnert sie sich mit Grauen, und wer der Selektion der SS zum Opfer gefallen waere, waere von einem Lastwagen mitgenommen worden.

Im Ghetto Warschau herrschte schon Anfang 42 schreckliche Klarheit ueber die Deportationen. Ephraim P. erzaehlt, dass schon nach den ersten Transporten klar war, dass sie in Vernichtungslagern enden.

Als die Deutschen in das Haus der Familie von Ephraim P. kamen, um die Familie zu holen, waren die Mutter und Schwestern auf Weisung des Vaters an an einem anderen Ort. Als die Deutschen begannen das Ghetto zu verkleinern und Strassenzug um Strassenzug liquidierten, uebten Ephraim P. und sein Bruder hinter einen Schrank zu steigen, der vor einer kleiner Ausbuchtung in der Wand stand. Als die Nazis den Vater, Funktionaer bei Beitar bereits gestellt hatten, suchten sie im Schrank weiter, doch nicht dahinter. Der Vater haette nach Einmarsch der Nazis nach Palaestina auswandern wollen, erzaehlt Ephraim P. Doch der Familie fehlte das Geld. Nun wurde er in den Tod geschickt, waehrend Ephraim P. und sein Bruder sich, hinter den Schrank gezwaengt, vor dem Gas verstecken konnten. Ohne Vater lebten sie in dem stark verkleinerten Ghetto. Als die Deportationen 43 wieder aufgenommen wurden, begannen die Vorbereitungen fuer den Aufstand, der zu Ostern ausbrechen sollte. Bunker wurden angelegt und Dachboeden verbunden. Einer der Kaempfer sagte zu Ephraim P., dass sie den Transporten ein Ende setzen wuerden. Kein Jude aus dem Ghetto wuerde mehr nach Treblinka gebracht. Ab jetzt, sagte er zu Ephraim p., wuerden sie alle im Ghetto sterben. Und Ephraim P. und sein Bruder zogen sich weite Kleider an, einige Nummern zu gross um fuer die Arbeit in einer der Fabriken rekrutiert zu werden. Sie verabschiedeten sich von der Mutter. Diese nahm vier Goldringe ab und gab jedem der Soehne zwei. Ephraim und sein Bruder kamen bei Skoda unter und schafften es, sich in den Naechten in die Bunkeranlagen der Polen zu stehlen, die den Juden eigentlich verboten waren. Der Aufstand brach aus und als sie ins Ghetto zurueckkehrten, um nach der Mutter und den Schwestern zu schauen, waren diese nicht mehr da. Ganze Strassen waren verbrannt. Die Deutschen konnten mit den Aufstaendischen nicht anders fertig werden, als ganze Strassen anzuzuenden. Ephraim P. erzaehlt, von seinen Erinnerungen ueberwaeltigt, dass seine Familie schrittweise ausgeloescht worden waere. Sein Bruder hatte Thyphus und der einzige Ort, an den er in bringen konnte, war eine Art Krankenhaus, dass noch verblieben war. Als er am naechsten Morgen nach ihm schauen wollte, war das Krankenhaus liquidiert. Er selbst wurde nur wenig spaeter von der Arbeit weg mit allen anderen juedischen Arbeitern zum Umschlagplatz gebracht und nach Majdanek transportiert. Hier beginnt seine Zeit als Zwangsarbeiter in den den letzten Kriegsjahren.

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