Israel – pt.6(4)/24 || Von Kishiniev nach Teheran

Unabhaengigkeitstag (Ramat Gan 2011)

Unabhaengigkeitstag (Ramat Gan 2011)

 Der juedische Staat war nach dem Sechstagekrieg bereits 18 mal groesser als von der Peel-Komission 1936 vorgesehen. Deren Teilungsplan waren die Juden seiner Zeit bereit anzunehmen, die Araber aber lehnten ihn ab. Gegen den UN Teilungsplan von 47, der von den Juden akzeptiert wurde, boten die Araber seiner Zeit ihre Armeen auf. Der Krieg brachte die Waffenstillstandslinien von 49. Mit dem Krieg 67 vervierfachte Israel sein Gebiet gegenueber 49. Fuer die Araber war der Sechstagekrieg in jeder Hinsicht eine Katastrophe. Doch noch im August 67 wurden auf einer Gipfelkonferenz der arabischen Liga in Khartoum die drei Neins zu Versoehnung, Verhandlungen und Anerkennung formuliert.

Derweil ueberarbeitete die 64 gegruendete Palaestinensische Befreiungsorganisation (PLO) ihre Charta. Unter dem Eindrueck des Sechstagekrieges erfand die PLO die in Palaestina lebenden Araber als eigenstaendiges palaestinensisches Volk und verstand sich als dessen Befreiungsbewegung. Bis dato hatten sich die Araber in Palaestina nicht als eigenes Volk definiert, dass von anderen arabischen Voelkern zu unterscheiden sei und eigene nationale Ansprueche besaesse, sondern vielmehr als Teil eines arabischen Volkes. Die Konstruktion einer eigenen palästinensischen Identität kann als politische, aber auch taktische Reaktion auf den Zionismus verstanden werden. Wer sich die Muehe macht, die urspruengliche PLO Charta mit derjenigen zu vergleichen, die nach dem Sechstagekrieg verfasst wurde, erkennt anhand der vorgenommenen Veraenderungen die Ueberfuehrung der urspruenglich panarabisch angelegten Bewegung in eine Natioalistisch gesinnte. Die PLO formulierte nationale Ansprueche des palaestinensischen Volkes und verfolgte diese mit terroristischem Eifer. Jerusalem gelangte ins Zentrum dieser nationalen Ansprueche, obwohl die Stadt in langen Jahren arabischer Herrschaft niemals Haupstadt war (und auch im Koran kein einziges Mal erwaehnt wird).

Die starkste Fraktion der PLO, die Fatach Bewegung, baute unter der Fuehrung von Yassir Arafat, nach dem Sechstagekrieg ein Terrorcamp in Karame im Jordantal auf. Von dort kam es zu mehreren blutigen Uebergriffen. Einer der terroristischen Ueberfaelle zielte auf einen Bus mit Kindern auf einem Schulausflug ans Tote Meer.
Im Maerz 68 kam es in Karame zur militaerischen Auseinandersetzung zwischen israelischen Streitkraeften und der Fatach, die Unterstuetzung von der jordanischen Armee erhielt. Fuer arabische Massstaebe war die Schlacht, die 29 israelischen Soldaten das Leben forderte, ein Erfolg. Der Fatach-Fuehrer Arafat wurde Vorsitzender der PLO. Er beerbte Yahya Hammuda, der den Vorsiz von Ahmed Shukeiri uebernommen hatte. Mohammed Amin al-Husseini, der Nazi-Verbuendete und gluehende Verfechter des Holocaust, diente Arafat als politischer Mentor.

Auf Betreiben mancher PLO-Fraktionen kam es zwischen der von Jordanien aus agierenden PLO und der jordanischen Fuehrung zu Spannungen, die sich zunehmend verschaerften. ine vierfache Flugzeugentfuehrung durch die PLO Fraktion PFLP, in deren Verlauf die Flugzeuge gesprengt wurden, brachte die offene Auseinandersetzung. Im September kam es zum Zusammenstoss zwischen der PLO und den jordanischen Streitkraeften. Die PLO flog aus Jordanien und re-formierte sich im Libanon. Israel erlebte nach der Vertreibung der PLO aus Jordanien in den Libanon den Terror im Norden. 74 starben bei einem Ueberfall auf Kiriat Shmona 18 Menschen, darunter 8 Kinder, wenig spaeter wurden bei der Besetzung einer Schule in Ma’alot 22 Schueler getoetet.

Vom Libanon aus instruierte die PLO 72 auch den Terror gegen das israelische Olympia-Team in Muenchen, das 11 israelischen Sportlern das Leben kostete. In einer Vergeltungsoperation toeteten israelische Kommandos alle Verantwortlichen fuer Muenchen.

76 haben deutsche und palaestinensische Terroristen ein Flugzeug der Air France nach Entebbe entfuehrt. Es kam zu einer Aussonderung juedischer Geiseln durch den Deutschen Wilfried Boese. In der wohl spektakulaesten Geiselbefreiung aller Zeiten holte ein israelisches Militaerkommando unter der Fuehrung von Yonathan Netanjahu (der bei der Aktion als einziger israelischer Militaer getoetet wurde) die entfuehrten Juden nach Israel. In Limosinen gepackt, die einen Konvoi des ugandischen Diktators Idi Amin vortaeuschten, gelangten die Kommandos an den Terminal des Flughafens, in dem die Geiseln gehalten wurden. Die waghalsige Kommandoaktion hat einen zentralen Platz im Selbstverstaendnis der Israelis. Meine Zeitzeugen berichten von der grossen Beklemmung, die geherrscht hat, als das Schicksal der juedischen Geiseln in den Haenden deutscher und palaestinensischer Terroristen voellig unklar war und welche Euphorie ausgebrochen ist, als die erfolgreiche Operation bekannt wurde. Wer die Bedeutung des israelischen Militaers fuer die Juden – nicht nur in Israel – begreifen moechte, dem sei der Film Entebbe empfohlen.

82 kam es dann zum ersten Libanonkrieg und der Besetzung des Suedlibanon. Im August 82 wurde die PLO gezwungen den Libanon zu verlassen und liess sich in Tunesien nieder um von dort den Terror gegen Israel fortzufuehren. 85 wurden 3 israelische Zivilisten auf Zypern von einem PLO Kommando ermordet. Im gleichen Jahr kam es zur Entfuehrung des Kreuzfahrtschiffes Archille Lauro durch Terroristen der PFLP. Diese erschossen einen teilgelaehmten juedischen Amerikaner und forderten u.a. die Freilassung des deutschen Neo-Nazi Odfried Hepp, der fuer die PFLP aktiv war.

87 begann die erste Intifada, die ohne Wissen der PLO Fuehrung in Tunesien ausgebrochen war. Verteidigungsminister Izhak Rabin wurde angewiesen , die Intifada gewaltsam, aber ohne Feuerwaffen niederzuschlagen. Rabin orderte den Einsatz von Schlagstoecken und von Seiten der Palaestinenser wurde dies propagandistisch ausgeschlachtet. Der militaerische Komandant der PLO, Abu Jihad, hatte derweil die Fuehrung ueber die Intifada erlangt und befahl einen Terrorangriff auf einen israelischen Bus, der drei Tote forderte. Israelische Kommandos griffen Abu Jihad daraufhin in seinem Haus in Tunis an und toeteten ihn.

Waehrend der zweiten Amtszeit von Yitzhak Rabin als Premierminister kam es unter der Regie seines Aussenministers Simon Peres zu ersten inoffiziellen Kontakten zwischen Israel und der PLO in Oslo, die einer offiziellen gegenseitigen Anerkennung den Boden bereiteten sollten. Peres hintertrieb mit seinen Geheimgespraechen die offizielle Politik und draengte Israel in die Anerkennung der PLO, die im beruehmten Handschlag zwischen Rabin und Arafat muendete. Es begannen ofizielle Verhandlungen und entsprechend der Oslo Abkommen wurden Teile der besetzten Gebiete in die palaestinensische Autonomie ueberfuehrt. Als Verwaltungsapparat fungiert die dafuer geschaffene Autonomiebehoerde unter dem Vorsitz von Arafat.

Oslo brachte den Israels die Hoffnung auf Frieden. Israelis sind zum Einkaufen in palaestinensische Staedte gefahren und Palaestinenser haben in Israel gearbeitet. Doch Arafat sollte schon bald sein doppeltes Spiel aufziehen. In Israel kam es 95 zur Tragoedie, als Rabin von einem juedischen Extremisten ermordet wurde. Bei den darauf folgenden Wahlen gewann der Oslo-Kritiker Netanyahu vom Likud. Vorausgegangen war im Fruehjahr 96 eine moerderische Welle von Terroranschlaegen queer durch Israel. 99 kam die Arbeiterpartei unter Ehud Barak zurueck an die Macht und Arafat bekam 2000 in Camp David von Barak einen eigenen Staat mit sehr weit reichenden israelischen Zugestaendnissen angeboten. Der in Oslo begonnene Weg zur palaestinensischen Staatlichkeit schien trotz der Eruptionen Mitte der 90er abgeschlossen.

Tatsaechlich erwies sich Camp David als Anfang vom Ende.

2008 - vor meinem Fenster - Bombenalarm

2008 - vor meinem Fenster - Bombenalarm

 

 

 

 

 

 

 

Die Palaestinenser unter Arafat, dem Vorsitzenden von Fatach, PLO und Autonomiebehoerde, entschieden sich gegen die Etablierung eines eigenen Staates und fuer die zweite Intifada. Statt Frieden haben die Israelis fuer ihr Entgegenkommen blutige Selbstmordanschlaege und ein nachwirkendes Trauma geerntet. Die zweite Intifada, in die sich eine Vielzahl von Organisationen eingerastet haben, sah beispiellose Gewaltexesse. Unter den verschiedenen Terrororganisationen, die eine Allianz gegen die israelische Bevoelkerung eingegangen sind, war auch die waehrend der ersten Intifada geborene Hamas. Ueber ihren Hass auf Israel hinaus finden sich bei den verschiedenen Akteuren der zweiten Intifada keine verbindenden Elemente. Wie der Versuch die Juden ins Meer zu treiben die Terroristischen verschiedener Lager zusammenbrachte, verfestigte sich der “Widerstand” zur Essenz der palaestinensischen Identitaet.

Arafat propagierte die moerderischen Anschlaege auf israelische Zivilisten als legitimen Befreiungskampf. Tatsaechlich erreichte er trotz perpetuierten Terror die Palaestinenser als brutal unterdruecktes Volk zu vermarkten.

Die zweite Intifada hat den Israelis die Palaestinenser verleidet. Meine ehemalige Freundin sah einen Bus an der Kreuzung Yagur in die Luft fliegen. Das Blutbad traumatisierte sie fuer lange Zeit.
Am 1. Juni 2001 forderte ein Selbstmordattentaeter der Hamas das Leben von 21 Menschen in der Warteschlange vor der Diskothek Dolphinarium, wo eine Feier fuer Neueinwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion steigen sollte. Unter seinen Opfern waren 13 Minderjaehrige. Im August 2001 starben 15 Israelis bei einem Selbstmordanschlag in einer Pizzeria in Jerusalem. Als im Dezember weitere zwei Dutzend Israelis bei Selbstmordanschlaegen in Haifa und Jerusalem getoetet wurden, erklaerte Israel die PA schliesslich zu einer Terrororganisation und begann mit der Abriegelung der palaestinensischen Gebiete. Im Januar 2002 konnte die israelische Marine eine 50 Tonnen schwere Waffenlieferung, die fuer die PA bestimmt war, abfangen. Zu Pessach 2002 toetete ein Selbstmordattentaeter der Hamas 30 Israelis im Park Hotel in Netanya. Zwei Tage spaeter begann Israel eine Militaeroperation gegen den palaestinensischen Terrorismus.

Sperranlage bei Bethlehem

Sperranlage bei Bethlehem

Aufgrund der Erfahrungen mit den gescheiterten Friedensbemuehungen und der Brutalitaet des Terrors, der entfacht wude, waren die Israelis daran interessiert, sich praktisch vor den Palaestinensern zu schuetzen. Als Reaktion auf die Anschlaege hat Israel im Sommer 2002 mit dem Bau des Sperrwalls begonnen.

Im Oktober 2003 brachte eine palaestinensische Selbstmordattentaeterin vom Islamischen Dschihad 19 Israelis im Familienrestaurant Maxim in Haifa um. Im Maerz 2004 entging Israel nur knapp einer kapitalen Katastrophe, als im Hafen von Ashdod Bomben gezuendet wurden, die Ammoniaktanks in die Luft jagen sollten. Israel reagierte mit der gezielten Toetung des Hamas Fuehrers Yassin.

Der palaestinensische Terror der zweiten Intifada hat mehr als 1000 Israelis das Leben gefordert. Der “Friedensprozess” brachte den Israelis bis heute keinen Frieden. Die Hoffnung auf ein friedliches Nebeneinander hat sich gruendlich zersetzt.

Kassam

Kassam

Schliesslich wurde auch die Hoffnung Land fuer Frieden tauschen zu koennen begraben. Ariel Sharon, der Barak als Premier folgte, hat 2004 sein ganzes politisches Gewicht in die Waagschalen geworfen, um den Gaza Streifen zu raeumen. Fuer den Rueckzug hat der Siedlervater sogar den Likud, seine politische Heimat, verlassen.
Die von der Mehrheit getragene Unterstuetzung fuer die schmerzhafte Raeumung stand unter der klaren Bedingung Land fuer Frieden zu tauschen. Doch bekam Israel statt Frieden Hamastan in Gaza und Raketenhagel auf den Sueden.
Im Norden folgte auf die Raeumung des Suedlibanon 2001 der Raketenterror der Hisbollah, einer islamistischen Terrororganisation, die sich waehrend der israelischen Besetzung formiert hatte.

Aus den Raeumungen des Libanon und des Gaza Streifens resultierten schliesslich die Militaeroperationen im Libanon und im Gaza. Und dort haben bereits Freunde und Bekannte von mir in meinem Alter gekaempft.
Als ich noch im Krankenhaus gearbeitet habe, hatte ich einen Kollegen, Gil, der als Reservist 2000 bei der Al-Aksa Intifada im Gaza eingesetzt wurde. Er erinnert sich, wie drei Soldaten aus seiner Kompanie bei den Kaempfen gefallen sind.

Gil wurde 2006 als Reservist fuer den zweiten Libanonkrieg eingezogen. Nach einer Woche intensiver Vorbereitung, stand seine Einheit kurz vor dem Einmarsch in den Libanon. Die Anspannung war enorm. Die israelischen Streitkraefte zeigten sich bei der militaerischen Auseinandersetzung mit der Hizbollah in schlechter Verfassung. Freunde aus dem Moshav Alone Aba haben im Libanon gekaempft. Freunde, mit denen ich im Sommer noch WM geschaut habe, als ich fuer drei Wochen im Moshav war und die bei unserem naechsten Widersehen zwei Monate spaeter Eindruecke vom Schlachtfeld zu verarbeiten hatten.

Bunker in Sderot

Bunker in Sderot

Mit seiner Frau und vier Kindern wohnt Gil in einem Haus in Ashdod. Waehrend 2008 der Raketenterror im Sueden eskalierte, war seine Familie staendig in die Bunker gezwungen. Mit ihm waren viele meiner ehemaligen Kolleginnen und kollegen im Krankenhaus aus Ashdod, Ashkelon oder einer anderen Stadt,die Ende 2008 unter Dauerfeuer kamen. Waehrend der Arbeit mit einem Auge staendig am Fernseher und bei jedem roten Alarm in Sorge um die Kinder. Im Gegensatz zu anderen Berufstaetigen, koennen Angestellte im Krankenhaus waehrend eines Krieges nicht zu Hause bleiben. Ich bekam die unertraegliche Anspannung der Bewohner der Staedte im Raketenhagel also aus naechster Naehe mit.

So weit ich das verfolge, sind die Israelis zunehmend frustriert darueber, wie die unverstaendlich sich die Weltgemeinschaft gegenueber der Bedrohung des juedischen Staates zeigt. Dem schlechten Ansehen Israels in der Welt liegt, nach Meinung der Israelis, die palaestinensische Propaganda zu Grunde. Die Israelis koennten sich nicht erklaeren meinten meine Bewohnerinnen und Bewohner, sowie deren Angehoerige an einem Nachmittag, als ich im Rahmen der Beschaeftigungstherapie im grossen Kreis die Frage aufgeworfen habe, warum das Ansehen Israels in der Welt so gering sei.

Eine der dubiosen Organisationen, die der palaestinaensischen Propaganda in die Haende spielt ist die UNRWA. Das UN Fluechtlingshilfswerk fuer Palaestina UNRWA betreibt die stetige Vermehrung palaestinensischer Fluechtlinge. 2004 lernte ich einen Amerikaner kennen, der in einem UNRWA Fluechtlingslager in Jenin arbeitete. Er verbrachte seine Urlaubstage im Tobasco Hostel im arabischen Teil der Altstadt. Das Hostel wurde seiner Zeit von einem Palaestinenser gepachtet, der aus seinem Antizionismus keinen Hehl machte. Mehrere Male hatte er Gruppen auslaendischer BesucherInnen in und durch Fluechtlingslager gefuehrt. Lang und breit konnte er darlegen, warum der Zionismus am Leid der Araber und der Welt schuld sei. Ausserdem wusste der zweifache Ehemann auch einiges ueber den heiligen Koran zu sagen. Uebermuetig habe ich mich gegenueber dem antizionistischen Religionsgelehrten zu der Frage hinreisen lassen, ob es denn keine Entehrung des Koran bedeutete, wenn er sich in der Hand von Selbstmordattentaetern befaende, wie das so oft in den Bekennervideos zu sehen sei. Nein, erklaerte er mir, da die Selbstmordattentate von hoechster Stelle gerechtfertigt seien. Bei einem weiteren Besuch im Tabasco Hostel wurde von einem Freund des Hausherrn bei einer Tasse Tee erlaeutert, dass Gott durch Hitler gehandelt habe.

Nicht weniger schlimm ist es in den palaestinensischen Gebieten. Wenn Deutsche, die in den Gebieten waren, berichten, dass sie auf gebrochenem English gefragt wurden “why did you not finish your job”, dann darf man dies getrost glauben. Auf dem Markt von Hebron wurde mir von Palaestinensern erklaert, dass Hitler mit der Judenvernichtung ein grosses Werk geleistet habe.

Die Weisen von Zion und Mein Kampf sind Bestseller in der arabischen Welt. In palaestinensischen Schulbuechern, von der UNSCO gedruckt, wird antisemitisches Gedankengut verbreitet.

Unabhaengigkeitstag - Yafo 2009

Unabhaengigkeitstag - Yafo 2009

Jedes Jahr feiert Israel seine Unabhaengigkeit als nationalen Feiertag nach dem Datum der Staatsgruendung im juedischen Kalender. Der Feiertag wird sehr ausgelassen begangen. Die Israelis belagern die Parks und Gehwege mit Barbeques. Noch in den unmoeglichsten Ecken wird gegrillt. Die landesweite Massenveranstaltung ist ueberall zu riechen. Zudem sorgt die Armee mit Paraden der Luftwaffe und Marine fuer Stimmung. Im Fernsehen flimmert der Film Entebbe. Am Abend vor dem kollektiven Freiluft Zermenonielll wird der Unabhaengigkeitstag stuermisch begruesst. Juedische Feiertage beginnen mit dem Sonnenuntergang und dauern bis zum Sonnenuntergang. Am Unabhaegigkeitsabend stroemen die Israelis auf Partys, grosse und kleine Strassenfeste. Es sind die stimmungsvollsten Feiern des Jahres. Dabei schliesst der Feiertag direkt an einen Gedenktag an. Der Gedenktag fuer die gefallenen Soldaten und die Opfer des Terror beginnt am Abend zuvor, dessen Ende den Anfang der Feiern zum Unabhaengigkeitstag bedeutet. Am Gedenktag fuer die toten israelischen Soldaten und die Terroropfer ruht der Vergnuegungsbetrieb. Mit Eintritt des Gedenkens schliessen ausnahmslos alle Kneipen, Bars, Kioske, Supermaerkte usw. Am Morgen ertoenen zwei Mal fuer je eine Minute die Sirenen und bringen das ganze Land zum Stillstand.

Aus dem krassen Uebergang zwischen dem Gedenktag und den Feiern zur Unabhaengigkeit laesst sich lernen, dass die Befreiung Opfer gefordert hat und immer noch fordert.

Israel – pt.6(3)/24 || Von Kishiniev nach Teheran

Hinsichtlich des Existenzrechtes Israels wird oft kolportiert, dass der Staat als Folge des Holocaust gegruendet worden sei. Doch Israel existiert nicht wegen des Holocaust. Israel wurde trotz des Holocaust gegruendet.

Der Holocaust begruendet nicht die Existenz des Staates Israel. Er unterstreicht aber die Notwendigkeit seiner militaerischen Ueberlegenheit.

Die militaerische Staerke Israels wurzelt in den Anfaengen der juedischen Selbstverteidigung, die bis weit vor die Staatsgruendung zurueckreichen.
Veteranen der juedischen Legion der britischen Armee im ersten Weltkrieg beteiligten sich 20 bei der Verteidigung juedischer Siedlungen im oberen Galilaea gegen marodierende Araber, die aus dem Libanon eingefallen waren. Joseph Trumpeldor fiel mit sieben Mitstreitern in einer legendaeren Schlacht bei Tel Hai und wurde zum Symbol der juedischen Selbstverteidigung.

20 und 21 kam es auch zu den ersten arabischen Aufstaenden. In Reaktion auf die Aufstaende 20 wurde die paramilitaerische Haganah gegruendet, eine Untergrundarmee des Yishuv. 29 kam es zu Massakern in Hebron und Zefat. Als Reaktion auf die Massaker, wurde die Hagana 30 ausgebaut.

36-39 kam es zu den arabischen Aufstaenden. Sie wurden vom Grossmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini angefuehrt, einem Verbuendeten der Nationalsozialisten. Die britische Mandatsmacht begann sich im Appeasement der pro-faschistischen Araber im Mandatsgebiet westlich des Jordans indem sie ab 36 die Einreiserestriktionen verschaerfte. Der Vorschlag einer Teilung des verbliebenen Palaestina in einen juedischen und einen arabischen Staat durch die Peel Komission wurde von den Vertretern des Yishuv schweren Herzens aufgrund der Notlage der europaeischen Juden angenommen, von den Arabern aber abgelehnt. Die Vorschlaege der Peel Komission wurden kassiert und die Undurchfuehbarkeit der Teilung beschlossen. Schliesslich implementierte die Mandatsmacht die Weissbuchpolitik und riegelte den europaeischen Juden den rettenden Hafen ab.

Einer meiner Bewohner, Israel D., war auf dem Schiff Struma, das 41 vollgepackt mit Fluechtlingen von Constanza nach Palaestina aufbrach. Das Schiff ging in Istanbul vor Anker. Nur eine Familie war im Besitz legaler Einreisepapiere fuer das britische Mandatsgebiet. Israel D. war bei einer Oelgesellschaft angestellt, die fuer ihn und seine Familie die Visa besorgt hatte. Allen anderen wurde von den Briten die Einreise verweigert. Nach Rumaenien durften sie nicht zurueck und die Tuerken haben die Fluechtlinge ebenfalls nicht an Land gelassen. Nur Israel D. und seiner Familie wurde erlaubt, von Bord zu gehen um ueber den Landweg ueber Syrien nach Palaestina zu gelangen. Die Struma wurde ins schwarze Meer gezogen und dort von einem sowjetischen U-Boot versenkt. Mehr als 700 Fluechtlinge kamen ums Leben.

Ben Gurion legte nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges die Linie des Yishuv fest, die besagte, man muesse das Weissbuch bekaempfen als gebe es keinen Krieg und die Briten im Krieg unterstetzen, als gaebe es kein Weissbuch.
Und nach Ende des zweiten Weltkrieges war es noch ein schwieriger Weg bis zum juedischen Staat, da die Briten weiter gegen die Einwanderung der Juden vorgingen.
Die Weissbuchpolitik wurde nicht aufgehoben und die Briten widersetzten sich der Schaffung eines juedischen Staates und favorisierten die Ueberfuehrung des Mandats in eine internationale Treuhaenderschaft. Das Problem ging an die UN.

Enscheidend fuer die diplomatischen Bemuehungen um eine juedische Heimstaette wurde schliesslich das Schicksal der Exodus. 1947 fuhr ein Fluechtlingsschiff, vollgepackt mit Holocaustueberlebenden, unter dem Namen Hagana Schiff Exodus von der franzoesichen Kueste nach Haifa und wurde wie so viele andere Fluechtlingsschiffe von der britischen Marine aufgebracht. Um ein Exempel zu statuieren, haben Gefangenenschiffe die Fluechtlinge zurueck nach Frankreich gebracht. Als sie sich dort geweigert haben an Land zu gehen, wurden sie nach Deutschland(!) deportiert und dort in Internierungslager gesteckt. Der Umgang mit den Holocaustopfern trug schliesslich dazu bei, die Weltoeffentlichkeit fuer einen juedischen Staat zu gewinnen.

Und wie die Teilung Palaestinas in einen juedischen und einen arabischen Staat beschlossen wurde, begann der Unabhaengigkeitskrieg. Arabische Milizen ueberfielen juedische Siedlungen und schnitten die juedischen Einwohner von Jerusalem von der Versorgung ab. Als Israel 48 ein unabhaengiger Staat wurde, griffen die Armeen fuenf arabischer Laender an, um den jungen juedischen Staat zu vernichten.

Als die aegyptische Armee 48 in Israel einfiel, zielte sie auf die schnelle Einnahme von Tel Aviv. Als regulaere Streitkraft war sie den juedischen Kaempfern in allen Belangen ueberlegen. Die Aegypter boten Panzer, schwere Artellerie und Jagdbomber auf, waehrend es auf juedischer Seite zu Kriegsbeginn trotz numerischer Unterlegenheit weniger Gewehre als Verteidiger gab und kein schweres Kriegsgeraet. Um Tel Aviv zu erobern musste die aegyptische Armee die Kueste hinauf und damit zunaechst ueber den Kibbuz Yad Modechai. Die Kollektivsiedlung wurde 43 von einer Gruppe des HaShomer HaTzair gegruendet, der es als einer der Letzten noch gelungen ist, Polen zu verlassen. Nach Ende des zweiten Weltkrieges nahm der Kibbuz eine Reihe von Holocaustueberlebenden auf. Als die vorrueckende aegyptische Armee auf Yad Mordechai traf, befanden sich dort keine Hundert wehrfaehigen Maenner und Jungen, deren Bewaffnung sich in zwei Maschinengewehren und zwei Moersern, einer Reihe Gewehre unterschiedlichsten Alters und Molotowcocktails erschoepfte. Trotz Unterstuetzung durch die Luftwaffe brauchten die Aegypter fuenf Tage, um den Kibbutz einzunehmen. Die Maschinengewehre der juedischen Kaempfer waren schon unbrauchbar, die Munition fuer die Gewehre zu Ende und ein Drittel der Verteidiger gefallen. Im Museum des Kibbuz wird die Verbindung zwischen Holocaust, dem Widerstand gegen die Nazis, der Errichtung des Kibbutz und seiner erbittert gefuehrten Verteidigung herausgestrichen.
Der Kibbutz Negba wurde zum naechsten Schauplatz des Widerstandes und tatsaechlich gelang es den Aegyptern nicht Tel Aviv zu erreichen.

Im Unabhaengigkeitskrieg kaempften viele Holocaustueberlebende. So wie Ephraim P., der das Warschauer Ghetto und das Konzentrationslager Majdanek ueberlebt hat. Waehrend des Befreiungskrieges kaempfte er im Palmach. Moshe G. ist Ueberlebender des Konzentratonslagers Auschwitz. Beim Eichmann Prozess war er einer der Zeugen. Waehrend des Unabhaengigkeitskrieges kaempfte er im Palmach.   

Das Ende des Befreiungskrieges bedeutete bei Weitem kein Ende der Feindseeligkeiten. 67 schienen fuer die Araber einmal mehr die Stunde gekommen, den juedischen Staat zu vernichten. Aegypten, Jordanien, Syrien und der Irak zogen gewaltige Truppenkontingente an den Waffenstillstandslinien von 49 zusammen. Die „Grenze von 67“ sah ohnehin schon die Artellerie der arabischen Legion an die Aussenbezirke des Ballungsgebietes um Tel Aviv und den juedischen Teil von Jerusalem im Visier von Scharfschuetzen.
Ahmed Shukeiri, der erste Vorsitzende der PLO erklaerte, dass alle Israelis, die den Krieg ueberleben wuerden, bleiben duerften und fuegte aber hinzu, dass er nicht davon ausgehe, dass es viele Ueberlebende geben wuerde. Unter den Israelis herrschte Sorge und Angst. Ruth Z. und Tova G. erinnern sich an die Anspannung jener Tage. Durch Aegypten wuetete der Mob und die Israelis konnten sich auf vielfachen Wegen vom Judenhass auf den Strassen des grossen Nachbarlandes ueberzeugen. Yehuda Z. und Ruth Z. sind oefters auf den aegyptischen Sender gesprungen, der in Israel zu empfangen war und der einen klaren Eindruck von der Stimmung dort vermittelte. Tova G. verfolgte auf Radio BBC die Geschehnisse in Aegypten und in der arabischen Welt, um sich ein Bild vom Ausmass des sich zusammenbrauenden Unheils zu machen. Den Israelis war klar, dass die Araber einen erneuten Versuch unternehmen wuerden, den juedischen Staat zu vernichten. Das sei alles andere als angenehm gewesen, erinnert sich Yehuda Z. Man waere sich klar darueber gewesen, dass es um alles ginge, erzaehlt Tova G. Und nicht nur auf den aegyptischen Strassen wuetete der Judenhass. Die Syrer terrorisierten zu der Zeit von ihren Stellungen auf den Golanhoehen den Norden Israels. Die syrischen Truppen zusammen mit der maechtigen aegyptischen Armee mussten ein Alptraum gewesen sein. Irakische Truppen gingen auf jordanischem Gebiet in Stellung. Die Araber boten doppelt so viele Truppe wie die Israelis auf, dreimal so viele Panzer und mehr als dreimal so viele Kampfflugzeuge. Die israelischen Generaele haetten nichts gesagt, erzaehlt Arie K. und erinnert sich ebenfalls, dass BBC Radio und aegyptisches Fersehen aber keinen Zweifel an der dramatischen Situation gelassen haetten. Ausserden sagt Arie K., seien ueberall Lazarette eingerichtet worden und gibt zu, dass viele damals das Schlimmste befuerchtet haetten. Die Israelis haetten zwar ihren Streitkraeften vertraut, erinnert sich Ruth Z und gibt aber zu, dass sie nicht voellig ueberzeugt waren. Schliesslich hatte sich Ben Gurion in die Wueste zurueckgezogen und der blasse Levi Eshkol fuehrte die Regierung. Erst als Moshe Dayan auf massiven Druck in Erwartung der militaerischen Auseinandersetzung als Verteidigungsminister vereidigt wurde, sahen die Israelis den bevorstehenden Kampf um ihe Existenz in guten Haenden. Schrecklich sei die Zeit vor dem Ausbruch des Krieges gewesen, erinnert sich Chaia S. und ich muss unweigerlich an ein Interview mit dem damaligen Kommandanten der Fallschirmjaeger Uzi Narkiss denken, der in einer Dokumentation gesagt hat, dass die Belagerung von allen Seiten das Gefuehl erzeugt haette, von aller Welt verlassen zu sein und dass es sich mit der Erfahrung des Holocaust verbunden haette. Die Folge einer Invasion waere die Vernichtung gewesen. Auch Amos Elon schreibt, dass die Israelis in den zwei oder drei Wohen vor Ausbruch des Krieges eine qualvolle Furcht gespuert haettenen, wie sie nur einer Nation von Fluechtlingen bis ins Mark hinein spuerbar werden koennte.

Die Israelis aber kamen ihrer Vernichtung zuvor und konnten nicht nur die militaerische Auseinandersetzung fuer sich entscheiden, sondern auch ihr Gebiet vervielfachen. Nach dem Krieg hielt das israelische Militaer den Sinai und den Gazastreifen besetzt. Aufgrund einer unerwarteten Entwicklung des Kriegen fielen den Israelis auch die bis 67 von Jordanien besetzten Gebiete zu. Obwohl er von den Israelis angehalten wurde, sich aus den Kaempfen herauszuhalten, entschied sich der Koenig von Jordanien dafuer an der Seite von Nasser zu kaempfen. Statt neutral zu bleiben, begannen die jordanischen Truppen am Morgen des 5. Juni den juedischen Teil von Jerusalem mit Granatbeschuss zu belegen. Kindergaerten und Schulen waren geoffnet als der Angriff erfolgte und Israel reagierte. Im Gegensatz zu 48 hielt die arabische Legion den juedischen Truppen 67 nicht stand. Nach zehn Stunden Strassenkampf war Jerusalem unter israelischer Kontrolle. Es folgte die Eroberung der Gebiete westlich des Jordans. Als Aegypten und Jordanien besiegt waren, nahmen die Israelis schliesslich noch den Golan, um den Beschuss des Nordens des Landes zu unterbinden.

Der Sechstagekrieg ist eine herausragende militaerische Leistung und ein exzellentes Beispiel fuer die Notwendigkeit einer ueberlegenen israelischen Streitkraft. Nicht zu vergessen ist darueber hinweg aber das Leid, das selbst die gewonnen Kriege mit sich bringen. Shmulik K., Sohn jemenitischer Einwanderer, stand 67 in den Bergen von Jerusalem mit einer Einheit von 31 Kaempfern Truppen der Legion gegenueber. Auf wenige Meter haetten die Soldaten beider Seiten aufeinander geschossen, erinnert er sich. Aus seiner Einheit haetten nur er und weitere fuenf das Feuergefecht unbeschadet ueberstanden. Die Anderen seien gefallen oder verwundet worden. Die sechs Tage forderten Hunderte Tote und Tausende Verletzte auf israelischer Seite.

Zur naechsten konzentrierten militaerischen Anstrengung, Israel zu vernichten kam es 73, als aegyptische Truppen israelische Stellungen auf dem Sinai ueberrannten. Der Yom-Kippur Krieg ist ein schwarzes Kapitel in der israelischen Landesverteidigung und fuerhrt vor Augen, wie real die existenzielle Bedrohung fuer den juedischen Staat tatsaechlich ist, wenn die israelische Armee die Initiative verliert.
Noch im Yom Kippur Krieg 73 war Arie K. an der Heimatfront. An dem radikal praktizierten Fastentag Yom Kippur steht das oeffentliche Leben still und Arie K. befand sich in der Synagoge, als Motorengeraeusche Hinweis auf das Unheil gaben. Auch Henni R. erinnert sich, dass sie in der Synagoge war, als es ploetzlich rumorte und alle wehrfaehigen Maenner vom Gebet in den Armeedienst gerufen wurden. Nachdem die Aegypter vorgedrungen waren und die Syrer eine zweite Front eroeffneten, hing die Existenz des juedischen Staates am seidenen Faden. Erst nach schweren Verlusten konnte die aegyptische Offensive gestoppt werden. Der Krieg forderte mehr als 2500 Tote auf israelischer Seite. Der Sohn von Regina K. ist in einem Panzer im Sinai verbrannt.

Yaakov, der private Betreuer von Epraim P. erzaehlt mir vom Einschlag einer irakischen Scud Rakete in Ramat Gan 91, die nur knapp das Gebaeude verfehlt hat, in dem er wohnt und einige Hundert Meter weiter eingeschlagen ist. Alle Scheiben haben nach der Detionation gezittert und die Familie hatte bange Minuten zu ueberstehen, bis klar war, ob die Rakete mit chemischen Sprengkopf ausgestattet war. Instruktionen gab es viele und die Wohnungen waren alle so weit wie moeglich hermetisch verriegelt. Reinigungschemikalien waren an alle Haushalte ausgeteilt. Auch nahe des Heimes ist damals eine Scud Rakete eingeschlagen. Den Instruktionen entsprechend musste sich die Belegschaft mit dem Ertoenen der Sirenen in Sicherheit bringen.
Gleichfalls tragisch, wie komisch sind die Geschichten, die mir die Kolleginnen erzaehlen, die im Jahr 91 frisch aus der Sowjetunion eingewandert waren und weder Hebraeisch konnten, noch sonst irgendwie begriffen hatten, wie sie sich bei den Scud Angriffen zu verhalten haben. Wie die Sirenen ertoent sind, erzaehlt mir Schwester Judith, haben sie die Gasasken aufgesetzt und Reinigungschemikalien vergossen und sind dann in Panik verfallen.

Hanna, die Freiwillige von der israelischen Polizei, die aufgrund des Schicksales ihrer Eltern eine zu Hause eine Holocast-Bibliothek, wie sie es nennt, angelegt hat, kann sich erinnern, wie der Golfkrieg ihren Vater fertig gemacht hat. Das Aufheulen der Sirenen, die Gasmasken und die Ungewissheit und schliesslich die Einschlaege in Ramat Gan und unweit von ihre Haus in Ramat Hen, haben seine Erinnerungen an den Holocaust heraufgespuelt.

Der Holocaust war eine wichtige Referenz, als israelische Bomber 81 den irakischen Atomreaktor Osirak zerstoerten.
Heute droht der Iran Israel mit Vernichtung. Auf einem antisemitischen Wahnsystem bauend, wird die atomare Bewaffnung des Iran zur existentiellen Bedrohung es juedischen Staates. Die Welt ohne Zionismus wird hier nicht nur als iranische Propaganda, sondern durchaus als Programm verstanden. In Israel wird eine iranische Fuehrung, die dem juedischen Staat gegenueber eliminatorisch gesinnt ist, als existentielle Bedrohung wahrgenommen. Die vom Iran finanzierten radikalistamistischen Terrororganisationen Hizbollah und Hamas geben mit ihrem Raketenterror eine Anzahlung auf den blutigen Ernst, mit dem es Israel an den Kragen gehen soll.

Der Holocaust ist in den Augen der Vertreter des Gottesstaates mehr oder minder eine Erfindung und damit ein delegitimierter Vorwand fuer einen juedischen Staat. Hier wuerde der Zusammenhang von Holocaust-Leugnung und einer Welt ohne Zionismus deutlich.

Es handelt sich bei Iran und Israel nicht um verfeindete Parteien, die sich in einem Interessenkonflikt gegenueberstehen. Es gibt zwischen den Laendern weder einen Grenz- noch einen Fluechtlingskonflikt. Trotzdem tachtet der Iran Israel nach der schieren Existenz und streckt die Hand zur Bombe.

Deutschland hat demonstiert, wie grenzenlos der antisemitische Wahn ist und die Geschichte hat gelehrt, wie wirkungslos sich das Appeasement hinsichtlich des eliminatorisch gesinnten Antisemitismus verhält.
Auch in Deutschland ging der tatsächlichen Judenvernichtung der Entschluss und die Planung voraus. Aus dem Holocaust sollte die Lehre gezogen werden, den Wahn eliminatorisch gesinnter Antisemiten nicht zu unterschätzen.
Wo ist die Auseinandersetzung, die Adorno und andere ideologiekritsche Sachbverständige eingefordert haben, um abzusichern, dass Ausschwitz nie wieder sei?

Israel – pt.6(2)/24 || Von Kishiniev nach Teheran

 

Hinsichtlich des Existenzrechtes Israels wird oft kolportiert, dass der Staat als Folge des Holocaust gegruendet worden sei. Dieser negative Gruendungsmythos stellt meiner Ansicht nach eine Diffamierung der Zionisten dar, die seit den 1880er Jahren die Wiederherstellung der Selbstbestimmung des juedischen Volkes in seinem historischen Heimatland vorangetrieben haben.

Der unabhaengige Staat ist die Folge des zionistischen Engagements fuer die juedische Souveraenitaet im Land Israel. Wobei der Antisemitismus am Entstehen und an der Verbreitung des modernen Zionismus bedeutenden Anteil hat.

Die Einwanderer der ersten Aliya, die 1882 begann, waren Fluechtlinge. Nach dem Attentat auf Zar Alexander II wurden tausende Juden aus Moskau vetrieben. Die Juden im Zarenreich lebten seit der Regentschaft Katarinas II. in einem Ansiedlungsrajon, in dem es ihnen erlaubt war, sich dauerhaft niederzulassen. Das Gebiet wurde unter verschiedenen Zaren neu definiert. Innerhalb des rajons lebten die Juden isoliert in Shtetln, pflegten ihre Religion und sprachen ihre eigne Sprache. Jiddisch war ein Erbe aus der Zeit als die Juden im Mittelalter aus ihren Siedlungen am Rhein vertrieben wurden. Das extrem traditionelle Leben im Shtetl orientierte sich an den religioesen Geboten und am juedischen Kalender. In den Shtetl setzten die Juden ihren Ethos in einer ausgefeilt organisierten Wohlfahrt um. Die Naechstenhilfe war eines der Merkmale der Shtetl. Nach der Vertreibung der Juden aus Moskau lebten 4,8 Millionen russische Juden im Ansiedlungsrajon und unter zunehmender Diskriminierung. Sie litten unter vielfachen Restriktionen und die Mehrheit lebte in desolaten Verhaeltnissen.

Elon schreibt, dass die Juden in den Shtetls, abgeschottet von der Aussenwelt, in einer lange zurueckliegenden Vergangenheit oder einer messianischen Zukunft lebten. Zum Anlass der Entgegennahme des Nobelpreises fuer Literatur fuehrte der 1888 in Galizien geborene S.Y. Agnon aus, dass er „infolge einer geschichtlichen Katastrophe“ in einer der „Staedte der Diaspora“, doch nach seiner Selbsteinschaetzung „in Wirklichkeit in Jerusalem geboren“ worden waere.

Ab 1881 kam es quer durch den Ansiedlungsrajon zu Pogromen und in deren Zuge 1882 zu den Mai-Gesetzen, die den Juden weitere, krasse Restriktionen brachten. “Warum sollten wir den Tod fuerchten – reitet doch sein Engel schon auf unseren Schultern“ schrieb Haim Nachman Bialik in dieser Zeit.

Der Antisemitismus im Zarenreich befoerderte die Flucht vieler Juden nach Westeuropa und in die Vereinigten Staaten. Viele Juden schlossen sich ausserdem den revolutionaeren Bewegungen an und tatsaechlich waren unter den Revolutionaeren in Russland ueberproportioanl viele Juden vertreten. Zugleich gaben die antisemitischen Ausschreitungen im Zarenreich auch dem juedischen Natonalismus Nahrung. Schliesslich wurde der modernen Zionismus auf den Weg gebracht. 1881/1882 entstand in Russland die Chibbat Zion (Zionsliebe) als erste organisierte zionistische Bewegung, die hinter der ersten Aliya und der Gruendung der ersten zionistischen Ansiedlungen in Palaestina steht. Moses Lilienblum, der den Pogrom von Odessa 1881 erlebte, wurde ein bedeutender Zionist und inspierierte die ersten Auswanderer nach Palaestina. Er setzte sich dafuer ein, den Boden im Land der Vorvaeter zu erwerben und zu besiedeln. Leo Pinskers Pamphlet „Auto-Emanzipation“, das die ideologische Grundlage fuer die erste Aliya bildete, erschien ebenfalls 1882. Auch fuer Pinsker bedeuteten die Pogrome Wendepunkte in seinem Denken. Schockiert nahm Pinsker wahr, dass der Antisemitismus auch vermeintlich kultivierte und fortschrittliche Elemente erfasst hatte. Auch David Levontin, der eine Gruppe von Chibbat Zion anfuehrte, die die erste zionistische Siedlung Rishon LeZion in Palaestina gruendete, stand unter dem Eindruck der traumatischen Ereignisse von 1881. Wenige Monate vor seiner Ausreise nach Palaestina wurde er aus Kharkov geworfen, wo den Juden aus dem Ansiedlungsrajon der Aufenthalt verwehrt war.

Ueberall im Zarenreich, aber auch in Galizien, bildeten sich als Reaktion auf die Diskriminierungen und Pogrome zionistishe Debattierclubs und Lernzirkel, die auf den zionistischen Weltkongressen zusammengefuehrt werden sollten. Die meisten dieser Vereinigungen waren von zionistisch-sozialistischem Gedenkengut gepraegt. Viele der Gruendungsvaeter Israels haben ihre Karriere in diesen Zirkeln begonnen.

Das Ber Borochov an keiner russischen Universitaet studieren konnte, hinderte ihn nicht daran, ein Vordenker der zionistischen Arbeiterbewegung zu werden. Borochov fusionierte den Marxismus mit dem Zionismus und legte damit das ideologische Fundament fuer die Poalei Zion. Um die Jahrhundertwende bildete sich in verschiedenen russischen Staedten die ersten Zirkel von Poalei Zion (die zionistischen Arbeiter), aus denen schlieslich die marxistisch-zionistische Partei Poalei Zion hervorging. Ben Gurion, der ihr in Polen beigetreten war, hat nach seiner Einreise in Palaestina den lokalen Ableger der Poalei Zion Partei gegruendet. Aus ihr sollte schliesslich die Arbeiterpartei Mapai hervorgehen, die ab den 30er Jahren die dominante politische Kraft in Eretz Israel war und seit der Staatsgruendung bis 77 den juedischen Staat beherrschte.

03 bis 06 kam es im Zarenreich zu blutigen Pogromen, die die antijuedischen Ausschreitungen von 1881 bis 1884 an Grausamkeit noh weit ueberboten und Tausenden Juden das Leben kosteten. Den Beginn markierte am Ostersonntag 03 der Pogrom gegen die Juden in Kishinev. Dem Pogrom von Kishinev folgte ein weiterer Auswanderungsschub der ersten Aliya. Haim Nachman Bialik verfasste unter dem Eindruck des Pogroms und nachdem er mit Ueberlebenden geredet hatte das Gedicht „auf der Schlachtbank“ in dem es heisst: „Verflucht sei der, der sagt “Rache!” / Vergeltung fuer das Blut eines kleinen Kindes / Hat sich Satan noch nicht ausgedacht.“ 04 schrieb er das Gedicht „In der Stadt des Schlachtens”, in dem er die laue Verurteilung des Massakers anprangert. Dem Pogrom von Kishinev folgten dutzende weiterer Pogrome, denen sich juedische Selbstverteidigungsorganisationen entgegenstellten. Die Pogrome fanden 05 im Zuge der gescheiterten Revolution in Russland ihren Hoehepunkt. Die blutigsten antisemitischen Uebergriffe ereigneten sich 05 in Odessa. Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen auch die „Protokolle der Weisen von Zion“, die dem antisemitischen Wahn einer juedischen Weltverschwoerung Ausdruck verliehen. Das Pamphlet, das vom zaristischen Geheimdienst in Umlauf gebracht wurde und alle antijuedischen Mythen in einer Schrift zusammenfasst, wurde millionenfach verbreitet und von Antisemiten als ideologische Grundlage adoptiert. In der Schrift wird eine vermeintlich juedische Verschwoerung belegt, die den Untergang der Welt nach sich zieht.

In Galizien hatten die Juden indes ebenfalls grosse Not zu leiden. Viele Tausend verhungerten und Zehntausende entschlossen sich zur Flucht nach Westen oder in die Vereinigten Staaten. Arie K. erinnert sich, wie in Berlin ueber die Fluechtlinge aus Galizien gespottet worden waere. Sie kaemen von drueben und seien zum Leiden geboren, wwaere gesagt worden, wie er sich erinnert. Tatsaechlich brachte Galizien einige der schlausten juedischen Koepfe hervor. Die allgemeine Situation war allerdings sehr schlecht. Und eben in Galizien formierte sich eine der bedeutensten zionistischen Bewegungen. 13 wurde dort die sozialistisch-zionistische Jugendbewegung HaShomer HaTzair (Der junge Waechter) gegruendet, die sich fuer die Ausreise nach Palaestina und die Gruendung von Kibbuzim engagierte. In Israel wurde der HaShomer HaTzair als sozialistische nicht-marxistische Partei die bedeutenste Gegenkraft zur marxistischen Poalei Zion. Waehrend des Nationalsozialismus leistete die Bewegung den Nazis Widerstand. Nach dem zweiten Weltkrieg leistete der HaShomer HaTzair einen erheblichen Beitrag zur Bricha.
Viele Juden aus dem Zarenreich und Galizien fluechteten nach Westen. Doch auch dort formierte sich der Antisemitimus und wurde zu einer Massenbewegung. Aus dem Antijudaismus, der sich auf den juedischen Glauben bezog, wurde der antisemitische Hass auf die juedische “Rasse”. Die fortschrittsfeindliche Ideologie manifestierte sich ab den 1880er Jahren.

Antisemitische Agitation fand sich auch in Frankreich. Theodor Herzl, der Begruender des politischen Zionismus, wurde 1894 als Korrespondent einer Wiener Zeitung in Paris Zeuge der antisemitischen Kampagnen im Zuge der Dreyfus Affaere. Dreyfus war juedischer Kommandant in der franzoesichen Armee und wurde in einem Schauprozess als Verraeter beschuldigt, waehrend auf den Strassen “Tod den Juden” skandiert wurde. Herzl kam zu der Ueberzeugung, dass der Antisemitismus eine gesellschaftliche Konstante und durch Assimilation nicht zu loesen sei. Er glaubte, die Diskriminierung der Juden als ewige Minderheit nur nationalstaatlich loesen zu koennen. 1896 schrieb er “Der Judenstaat”. Sein Ansatz in der Judenfrage war die Schaffung eines souveraenen Judenstaates, in den die Juden einwandern und durch den sie Akzeptanz erreichen koennten. 1898 wurde auf dem ersten zionistischen Weltkongress unter dem Vorsitz von Theodor Herzl die Forderung nach einer “oeffentlich-rechtlich gesicherter Heimstaette in Palaestina” erhoben. Einem Buch ueber Theodor Herzl von 1932, dass ich auf dem Flohmarkt ergattert habe (mit einer handschriftlich vermerkten Widmung auf Deutsch von 35) sind Auszuege aus Gespraechen mit Thomas Mann und Albert Einstein vorangestellt. Professor Einstein sagt 31: „Das Grosse an Herzl war, dass er die ungeheure Judennot seiner Zeit ploetzlich auf seinen Schultern ruhen fuehlte, und zwar nicht nur die materielle, sondern vor allem die moralische.“

Thomas Mann berichtet 30 von seiner Palaestina-Reise: „Wissen Sie, es war doch ein ebenso neuer, wie frappierender Eindruck, als ich zum ersten Mal freie Juden in einer freien juedischen Stadt, Juden ungezwungen unter sich sah. Es waren verwandelte Menschen.[...] Ich habe begriffen, dass es die Juden nach Palaestina zieht, damit sie sich dort seelisch erfuellen und befreien“

Herzl inspirierte die osteuropaeischen Pioniere der zweiten und dritten Aliya sich in Palaestina seelisch zu erfuellen und zu befreien.

Im russischen Buergerkrieg fielen ab 17 zehntausende Juden Pogromen zum Opfer. Aus der 22 entstandenen Sowjetunion war keine Ausreise moeglich und zionistisches Engagement wurde als antirevolutionaer verfolgt. 24 bis 29 wanderten ueber 80.000 Juden aus dem polnischen Mittelstand, denen durch antisemitische Gesetzgebung ihre Lebensgrundlage entzogen wurde, nach Palaestina aus.

Derweil blieb der Zionismus fuer die Juden in Mittel- und Westeuropa meist eine rein spirituelle Angelegenheit. Tatsaechlich nach Palaestina auszuwandern, war fuer die absolute Mehrheit keine Ueberlegung wert. Aus verschiedenen Quellen geht hervor, dass die Juden in Westeuropa die Flucht der „Ostjuden“ nach Palaestina nachvollziehen konnten, selbst aber keinen Anlass sahen, auszuwandern. Wie sich die russischen Juden stoerrisch abkapselten, waren die deutschen Juden um Assimilation in Deutschland bemueht und wurden, wenn ueberhaupt, dann als Reaktion auf ihre zurueckgewiesenen Anpassung Zionisten. Auf die Machtergreifung der Nazis aber folgte auch die Auswanderung Tausender Juden aus Deutschland, Oesterreich und der Tschechoslowakei. Der Zionismus war ab 33 ein rettender Ausweg aus den Faengen der wahnsinnigen Deutschen. Die zionistishe Bewegung bekam eine ueberlebensnotwendige Bedeutung. Die Umsetzung sozialer Utopien in Eretz Israel wurde nun von der dringenden Notwendigkeit ueberschattet, die europaeischen Juden zu retten.

Ich habe, neben dem Buch ueber Theodor Herzl auf dem Flohmarkt auch ein Buch von Walter Clay Lowdermilk gefunden. Herausgegeben 44. Lowdermilk war ein bedeutender britischer Bodenkonservator und ab 39 zu einer Studienreise in Palaestina. In seinem Einfuehrungskapitel ueber Land und Leute in Palaestina beschreibt er die bereits illegalen Einwanderungsschiffe. “We saw some of those wretched ships floating about on a steaming sea in unbearable summer heat, with refugees packed in holds under intolerably inhuman conditions. The laws governing the transportation of animals for slaughter in the United States do not permit conditions like those which some of the intelligentsia of central Europe had to undergo in these old boats in the Meditterranian.”

“Die ganze Welt ist gegen uns“, sagt Fruma W. Aus tiefer Ueberzeugung. Sie ist eine Kuenstlerin, die in beeindruckenden Skulpturen Eindruecke aus dem Leben im Shtetl, wie es ihr in Erinnerung geblieben ist, verarbeitet hat. Eine groessere Skulptur zeigt eine Strassenszene in Wilna vor einem mehrstoeckigen blauen Haus. Fruma W. wurde 41 von den Russen in Wilna verhaftet und in ein Arbeitslager deportiert. Sie erinnert sich an die unertraeglichen Zustaende im Lager. Typhus sei im Lager weit verbleitet gewesen, erzaehlt sie und viele Gefangene seien gestorben. Wie Fruma W. wurde auch einer der bedeutensten Maenner Israels in Wilna von den Sowjets verhaftet. In den Biografien von Menachem Begin ist die mentale und physische Gewalt beschrieben, die er erdulden musste. Fruma W. sagt, dass ihre Zeit im sowjetischen Gefangenenlager ihr aber letztens das Leben gerettet haette. Nahe Verwandten von ihr wurden Opfer des deutschen Einmarsch in Russland. Sie wurden mit allen juedischen Bewohnerinnen und Bewohnern ihrer Stadt in der Syanagoge zusammengetrieben und verbrannt. Fruma W. gelang 48 die Aliya – eine Woche vor der Verkuendung der Unabhaengigkeit des juedischen Staates.

Mit der Etablierung des Staates Israel wurde die so dringend notwendige Heimstaette fuer das juedische Volk geschaffen. Die Notwendigkeit eines juedischen Staates, in den ale Juden einwandern koennen, erfuhr ab seiner Gruendung 48 vielseitigste Bestaetigung.

Eine Folge des von den Arabern in vernichtender Absicht angezettelten Krieges von 48 war die Verschaerfung des antisemitischen Klimas v.a. im Jemen und im Irak. Im Irak, einem Verbuendeten der Nazis im zweiten Weltkrieg, sahen sich die Juden schwer diskriminiert und ein Pogrom kostete 41 mehr als 150 irakischen Juden das Leben. Ab 48 wurde die Diskriminierung im Irak noch einmal verschaerft. Juedischer Widerstand regte sich gegen das Ausreiseverbot und 50 beschloss der Irak Juden gegen die Aufgabe ihrer irakischen Staatsbuergerschaft und ihrer Besitzes im Zeitfenster von einem Jahr ziehen zu lassen. Der Vater von Jakov, dem privaten Betreuer von Ephraim P., war einer von ihnen. Er besass im Irak drei Haeuser, die er zuruecklassen musste und fuer die er nie entschaedigt wurde. Mit den osteuropaeischen Holocaustueberlebenden stroemten ab 48 Hunderttausende Fluechtlinge aus arabischen Laendern in den neu gegruendeten Staat Israel.

Tatsechlich sind „Mein Kampf“ und die „Protokolle der Weisen von Zion“ auch heute Bestseller in der arabischen Welt.
Auch in Europa war nach Ende des Zweiten Weltkrieges vom Ende des Antisemitismus keine Spur. In der polnischen Stadt Kielice kam es 46 zu einem Pogrom, dem auch Holocaustueberlebende zum Opfer fielen. Rena W. erzaehlt, dass auch in Lodz in der Nachkriegszeit eine ausgesprochen antisemitische Stimmung geherrscht haette.

Meine Bewohnerin Ada R. ist in Bratislava geboren, als die Stadt noch zum Koenigreich Oesterreich-Ungarn gehoerte. Sie lernte als einzige von drei Geschwistern von Kindesbeinen an Slowakisch, die „Sprache des Volkes“. Sie erlebte ihre Kindheit in der tschechoslowakischen Republik und geriet nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges in die Faenge der Nazis. Als Holocaustueberlebende entschloss sie sich nach Ende des zweiten Weltkrieges fuer die Ausreise nach Israel. Ihr Bruder blieb in der Tschechoslowakei und wurde ueberzeugter Kader der kommunistischen Partei. Dies sollte er schwer bereuen. 52 wurden in einem Schauprozess gegen vermeintliche Hochverraeter in der Kommunistischen Partei eine Reihe von hochrangigen Juden um den stellvertretende Ministerpraesident Slansky hingerichtet.

Derweil ist der antisemitische Wahn auch in Deutschland nicht verschwunden. In Deutschland musste sich der Antisemitismus nach Ausschwitz zum Antizionismus wandeln. Antisemitische Ressentiment werden in die Kritik an Israel gekleidet. Wie die Juden an allem Schuld waren, bis mit ihnen in den Vernichtungslagern verfahren wurde, ist heute Israel an allem Schuld. Das Ressentiment zeigt sich ressistent gegen die Realitaet.

Israel – pt.6(1)/24 || Von Kishiniev nach Teheran

Hinsichtlich des Existenzrechtes Israels wird oft kolportiert, dass der Staat als Folge des Holocaust gegruendet worden sei. Ich moechte mich in diesem Kapitel naeher mit dieser Ansicht beschaeftigen.

In keinem Land kann den Verbindungen, die zwischen dem Holocaust und Israel bestehen, besser nachgegangen werden, als in Israel.
Im vorliegenden ersten Teil des Kapitels geht es um den Holocaust und Formen des juedischen Widerstandes.

Hitlers willige Helfer, die Millionen Juden vernichteten, teilten den Antisemitismus, der 03 zu den Pogromen von Kishinev fuehrte und heute die iranische Agenda einer Welt ohne Zionismus bestimmt.
Im zweiten Teil des Kapitels geht es um den Zusammenhang von Antisemitismus und Zionismus seit den 1880er Jahren.

Der Antisemitismus ist mit dem Ende des zweiten Weltkrieges nicht verschwunden. Er besteht im Kern weiter und bedroht das Ueberleben des juedischen Staates seit dessen Gruendung.
Im dritten und vierten Kapitel geht es um die existentielle Bedrohung Israels seit 48.
Ich moechte in diesem Kapitel die Annahme widerlegen, dass Israel als Folge des Holocaust gegruendet wurde. Indem ich widerlege, moechte ich aufzeigen, dass die notwendige Folge des Holocaust eine ueberlegene israelische Streitmacht ist.

In Israel finden sich noch einige Ueberlebende des Holocaust und manche dieser Ueberlebenden verbringen ihren Lebensabend im Heim, in dem ich arbeite.
Im tagtaeglichen Umgang mit den Menschen, die die Shoa ueberlebten, erfuhr ich von den unfassbaren Schicksalen, die sie zu durchleiden hatten.
Ausserdem erfahre ich hier in Israel auch die kollektive Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Es ist kein Gedenkzirkus, wie wir ihn aus Deutschland kennen, wo erinnert wird, ohne zu irgendeiner Erkenntnis zu gelangen, sondern eine auf Konsequenzen zielende Auseinandersetzung, die zu verstehen sehr wichtig ist, um Israel zu verstehen.

Bei einer Veranstaltung der Deutsch Israelischen Gesellschaft, bei der ich mich engagiere, wurde Amos Hausner eingeladen, der Sohn von Gideon Hausner, dem Hauptanklaeger im Eichmann Prozess. Er hat aus einer persoenlichen Sicht vom Leben und Wirken seines Vaters erzaehlt. Er hat die Probleme des Anklaegers Gideon Hausner geschildert, die Ueberlebenden des Holocaust in den Zeugenstand zu bewegen. Die persoenliche Aufarbeitung des Holocaust fiel vielen Ueberlebenden sehr schwer. Viele waren sich sicher, dass sie nicht aussagen koennten. Zu gross war der Horror, den sie tief in sich begraben hatten, um ihn fuer die Anklage aufzubearbeiten. Ich empfehle jedem empfehlen, die von Yad Vashem auf youtube gestellten Mitschnitte des Eichmann Prozess anzuschauen.

Als ich meinen Bewohner Ephraim P. gefragt habe, ob er sich darum bemueht haette, dem Prozess gegen Eichmann im Gerichtssaal beizuwohnen, meinte er, dass er dies auf keinen Fall gewollt haette. Ich habe ihn gefragt, ob es stimme, dass viele Holocaustueberlebende nicht reden wollten. Er sagte, dass es auf ihn auf jeden Fall zutraefe. Er wollte es so weit wie moeglich verdraengen.
Der Eichmann Prozess haette Israel gepraegt, sagt mir Talia, eine Sozialwissenschaftlerin aus Tel Aviv. Sie ist die Tochter meiner Bewohnerin Ada R. und als wir uns eines Tages in einem Cafe getroffen haben, erzaehlte ich ihr von der Veranstaltung mit Haussner und sie mir als Zeitzeugin von den Auswirkungen des Prozess auf die israelische Gesellschaft. Ihre Mutter selbst hat nicht ueber den Holocaust gesprochen und in der Gesellschaft herrschte eine sehr abwehrende Haltung gegenueber der Aufarbeitung vor. Die Ueberlebenden erfuhren eine subtile Form der Abwertung, da ihre Erfahrungen als Opfer nicht zum Selbstverstaendnis der modernen Makkabaerer passte. Erst der Prozess brachte die Mauer aus Schmerz und Scham zum Einsturz und integrierte die Shoa mit den Ueberlebenden in den juedischen Staat.

Die Bewohnerin Chaia S. kommt aus Chorzow in Oberschlesien. Wie viele meiner Bewohnerinnen und Bewohner aus Schlesien, der Bukowina oder Siebenbuergen war sie aus einer Familie sich zum Deutschtum bekennender Juden, deren Umgangssprache Deutsch war und die im Grunde auch zu den mitteleuropaeischen Auswanderern der fuenften Aliya zu zaehlen sind. Das sind Menschen, deren Naziplage jene Volksdeutschen waren, die in Deutschland als Vertriebene gerne zu den Opfern des zweiten Weltkrieges gezaehlt werden. Ausserhalb des Heimes habe ich mit den beiden Grossmuettern und einem Grossvater meiner ehemaligen Freundin kulturdeutsche Juden aus der Bukowina kennengelernt, mit denen ich mich auf Deutsch unterhalten konnte. Sie haetten die deutsche Kultur verinnerlicht, sagen sie. Auch Chaia S. sagt das von sich und demonstriert es zu jeder sich bietenden Gelegenheit.

Chaia S. hat eine Massenerschiesung durch die Wehrmacht ueberlebt, indem sie sich tot gestellt hat. Ihre Eltern und ihre Familie kamen im Kugelhagel um, waehrend sich die Volksdeutschen gefreut haben, dass Chorzow als Koenigshuette ins Reich kam.
Chaia S. kam als Zwangsarbeiterin auf einen Hof in der Oberpfalz, weil sie verschwiegen hat, dass sie Juedin ist, als sie von deutschen Soldaten auf der Strasse aufgegriffen wurde. Auf dem Hof, auf dem auch andere polnische Zwangsarbeiter und franzoesische Kriegsgefangene waren, hatte sie Jahre lang Todesangst, als Juedin erkannt zu werden. Der Gutsherr war ein ueberzeugter Nazi mit einer SA Taetowierung am Oberarm. Als sie nach dem Einmarsch der Amerikaner vom Hof gegangen ist, hat sie ihm eroeffnet, dass sie Juedin ist. Sie sagt, dass sie sich oft ueberlegt haette, wie sie durch das Fenster springen wuerde, wenn sie auffliegt. Vom Holocaust hatte sie eine ungefaehre Vorstellung, da die polnischen Zwangsarbeiter ein kleines Radio versteckt hielten und auslaendische Nachrichten hoerten. Ihr Mann war Zwangsarbeiter bei Messerschmitt in der Oberpfalz. Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner gelang ihm die Flucht. Er versteckte sich in einem Huehnerstall und bekam Thyphus. Als er sich den einrueckenden amerikanischen Truppen vor die Fuesse warf, konnten diese nicht glauben, was sie sahen. Sie brachten ihn in ein Krankenhaus und er ueberlebte. Dann machten sie ihn zum Buergermeister der Gemeinde, auf deren Mark er sich versteckt hatte. Dort lernten sich die Beiden kennen.

Sie hat mit das an einem Nachmittag erzaehlt, als ich mit ihr und Regina K. am Tisch sass. Regina K. aus Berlin erzaehlte dabei, wie sie 38 als Dienstmaedchen nach England geschickt worden sei. Dank der vermittelten Anstellung bei einer juedischen Familie auf der Insel gelangte Regina K. noch an Papiere, die ihr die Ausreise ermoeglichten. Ausloeser fuer ihre Flucht war die Reichspogromnacht, die sie noch in Berlin erlebt hatte. Als die Nazis von Haus zu Haus gingen, um die Juden aus ihren Wohnungen zu holen, ging ihre blonde Schwester an die Tuer, um zu den Schergen zu erzaehlen, dass die Juden im Haus schon abgeholt worden waeren. Die Eltern von Regina K. und ihre Schwester ueberlebten den Krieg indes nicht. Sie wurden in einem deutschen Vernichtungslager ermordet.

Ausstellungsstueck im Museum von Lochamei HaGetaot

Die "Weisen von Zion" als Nazi-Propaganda

Eigentlich haetten sie es ganz schoen in Berlin gehabt, versucht Regina K. zu erklaeren, als ich wissen wollte, warum sich die Familie nicht zur Flucht entschlossen haetten, als dies noch moeglich gewesen sei. Sie wohnten in einem grossen Eckhaus und kamen mit den Nachbarn gut aus. Der Vater hatte eine ordentliche Anstellung und fuer das Shabbatmahl kauften sie in der koscheren Metzgerei Suelze. Auch Lea G. aus Wien erzaehlt, dass fuer ihre Familie Flucht kein Thema gewesen sei. Selbst als Oesterreich ins Reich geholt wurde, konnten sich die Eltern nicht zu der lebensrettenden Entscheidung durchringen. Die Familie hatte Geld und Wien die Kultur, nach der es ihnen verlangte. Erst 39 traten sie schliesslich die Flucht an. Die Mutter von Ernest S. entschloss sich nach der Reichspogromnacht ihn und seine Schwester zu Freunden nach Frankreich zu schicken. Der renomierte Akademiker Ernest S., heute Bewohner in meinem Heim, hat 2004 sein Tagebuch, das er zu jener Zeit in Frankreich angefangen hat, zusammen mit den Aufzeichnungen seiner Mutter und Briefen seines Vaters als Buch „Jugend auf der Flucht“ herausgegeben. Das Buch beschreibt eindrucksvoll den Raub von Heimat und Kindheit, den so viele Jugendliche nach ihrer Flucht aus Deutschland zu verarbeiten hatten. Von Rosa B., deren Familie Polen 40 noch verlassen konnte, habe ich bereits geschrieben. Auch von Henni R., deren Familie sich lange nicht von den Fleischtoepfen trennen konnte.

Hanna, eine Freiwillige von der israelischen Polizei, die an zwei Tagen in der Woche einen Handarbeitskurs fuer die Bewohnerinnen und Bewohner der Pflegestation betreut, pflegt zu Hause eine kleine Shoa-Buecherei, wie sie es nennt. Ihre Eltern sind beide Holocaustueberlebende. Beide sind die jeweils einigen Ueberlebenden ihrer Familien. Ihre Mutter wurde im Alter von 11 Jahren Zwangsarbeiterin. Die Familie wurde gezwungen im Ghetto Warschau zu wohnen. Vom Gelaende aus konnte sie eines Tages beobachten, wie ihre Eltern von den Nazis zum Umschlagsplatz gebracht wurden – die Mutter mit dem Baby auf dem Arm. Es war das letzte Mal, dass sie sie gesehen hat. Die Transporte gingen nach Treblinka.

Aus Zeugenberichten aus erster und zweiter Hand habe ich Geschichten aus Ghettos und aus Konzentrationslagern gehoert, die ich aufgrund ihrer Grausamkeit nicht wiedergeben moechte. Kinder, die ihren Eltern entrissen und in den Tod geschickt wurden.

Es gibt in Israel einen offiziellen Holocaustgedenktag, an dem fuer zwei Minuten die Sirenen toenen und das Leben zum Stillstand bringen. Von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang gibt es eine Reihe bewegender Zeremonien im Land, das waehrend dieser Zeit bleischwer wirkt. Alle Vergnuegungsbetriebe bis hin zu Supermaerkten sind am Abend geschlossen und im Fernsehen laufen Dokumentationen der Shoa, waehrend die Sport- und Musiksender off sind. Diesen Tag im Elternheim zu erleben ist unendlich beklemmend. Die Bewohnerinnen und Bewohner selbst sind der millionenfachen Judenvernichtung entgangen, waehrend ihre Bekannten, Freunde, Onkel, Tanten, Vettern, Cousinen Hitlers willigen Helfern zum Opfer gefallen sind. Viele Bewohnerinnen und Bewohnern haben die naechsten Verwandten, Geschwister, Eltern und Grosseltern verloren. Sechs Millionen Tote sind nicht begreifbar. Die tatsaechlichen Menschen, denen die Haeftlingsnummer des KZ Ausschwitz eintaetowiert ist und die Bewohnerinnen und Bewohner des Heims, die ihre Familien in der Schoah verloren haben, verleihen dem Horror eine Kontur.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist in Israel ueber den Erinnerungstag hianaus stets praesent. Die Shoa als buerokratisch geplanter und industriell ausgefuehrter sechsmillionenfacher Masenmord wird so weit wie moeglich aufgearbeitet.

Das Kibbuz Lohamei HaGetaot (Die Ghettokaempfer) erinnert in besonderer Weise an die Shoa. Im Kibbuz steht das erste Holocaustmuseum der Welt. Es befasst sich mit dem Holocaust und dem juedischen Widerstand. Die Ausstellung Yad HaYeled (Die Kinderhand) fuehrt durch das Schicksal der Kinder im Holocaust. Der Kibbuz wurde von den ueberlebenden Widerstandskaempfern des Aufstandes im Ghetto Warschau und Partisanen gegruendet, die im zweiten Weltkrieg gegen die Nazis gekaempft haben. Das Ghettokaempfer Museum gibt einen Ueberblick ueber die vielfaeltigen Formen des juedischen Widerstandes gegen die Nazis. Ein Schwerpunkt ist die Ausstellung ueber das Ghetto Warschau und den Aufstand. Die Ausstellung eroeffnet einen bedrueckenden Blick auf das Leben im Ghetto, wo eine halbe Million Juden auf 2,4% des Stadtgebietes leben mussten und befasst sich daran anschliessend mit den vielfaeltigen Formen des nicht-militaerischen Widerstandes. Ab 42 kam es nach dem Beschluss der Endloesung zur Deportation von Hunderttausenden aus dem Ghetto in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Detailliert wird im Museum der Ghettokaempfer dargelegt, wie es darauf zur Organisation der juedischen Kampforganisation ZOB kam, die von zionistischen Jugendbewegungen (wie dem HaShomer HaTzair) initiiert wurde. Der heroische Kampf der Juden unter der Fuehrung von Mordechai Anilevitz, die nicht wie Laemmer zur Schlachtbank getrieben werden wollten, wird sehr ausfuehrlich dargestellt. Es gelang den Nazis so sehr zuzusetzen, dass die Liquidation des Ghettos weit herausgezoegert werden konnte. Nur sehr wenige der Widerstandskaempfer ueberlebten.

Der Leidensweg aller meine polnischen Bewohnerinnen und Bewohner, die den Holocaust ueberlebt haben, hat einem der Ghettos angefangen. Viele sahen den Umschlagsplatz in Warschau, den ich mir als Tourist angeschaut habe, als Gefangene der Mordmaschinerie der Nazis. Alle meine polnischen Bewohnerinnen, die waehrend des zweiten Weltkrieges den Deutschen in die Haende fielen, wurden in ein Ghetto gezwungen und von dort jeweils in Konzentrationslager deportiert.

Zwei Monate, bevor ich nach Israel gezogen bin, habe ich die Museen Auschwitz besucht, das Konzentrationslager Auschwitz I und das Vernichtungslager Ausschwitz II.
An einem Abend in Israel, als ich mit der Familie meiner ehemaligen Freundin beim Abendessen sass, erzaehlte ihr Cousin von seinem Schulbesuch in Ausschwitz. Als er Bilder zeigte, die er gemacht hatte, konnte die Grossmutter diese in besonderer Weise erklaeren. Die Kulturdeutsche aus der Bukowina ist eine der Ueberlebenden des geschaeftigsten aller Vernichtungslager. Die Bilder wuehlten ihre Erinnerungen sichtbar auf.

Als ich Rena W. aus Lodz fragte, wie sie den Krieg ab dem Einmarsch der Deutschen in Polen erlebt haette, gab sie mir zunaechst ein Buch “Ghetto Litzmannstadt. Das letzte Ghetto”. Es ist ein Begleitbuch zu einer Ausstellung in Yad Vashem ueber das Ghetto in Lodz, das von April 40 bis August 44 bestand. Das Buch beschreibt die Hoffnung der Bewohnerinnen und Bewohner des Ghettos durch die Verrichtung kriegswichtiger Arbeit fuer die Deutschen den Krieg zu ueberleben. Ueber die Jahre kam es zur maximalen Mobilisierung der Bewohnerinnen des Ghetto Litzmannstadt zur Arbeit, die unter schlechtesten Bedingungen verrichtet werden musste. Die Sterblichkeit im Ghetto lag 42 bei 16 pro 100. Die Ausstellung beschreibt das Leben im Ghetto aus der Sicht der internierten Juden. Sie eroertert die Anstrengungen, um Menschlichkeit , Mitgefuehl und ueberhaupt den juedischen Ethos in der Hoelle des Ghettos zu erhalten. Zu der Lebendigkeit gehoerten die verborgenen musikalischen Aktivitaeten, Theatervorstellungen, Kunst, Lesungen und auch die Pflege der religioesen Gebraeuche. Widerstand in Form von Zeitungen, Krankenfuersorge, Suppenkuechen und Jugendarbeit werden ebenfalls aufgezeigt. All die Aktivitaeten kamen trotz Erschoepfung und Hunger zu Stande.

Nur ca. 10.000 Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt haben den Krieg ueberlebt. Von ca. 204.000 Ghettobewohnerinnen und -bewohnern wurden ca. 77.000 ins Vernichtungslager Chelmo deportiert, ca. 43.500 starben an Hunger und Krankheit, 11.000 wurden in verschiedene Arbeitslager deportiert, wo die Meisten von ihnen den Tod fanden. Im August 44 wurde das Ghetto liquidiert und ca. 65.000 Bewohnerinnen und Bewohner nach Auschwitz deportiert, wo die Meisten von ihnen vernichtet wurden. Die anderen kamen in Zwangsarbeiterlagern in Ausschwitz oder auf Todesmaerschen um.

Rena W., die sich ins betreute Wohnen des Heims eingemietet hat und manchmal ihre polnischen Freundinnen besucht, die sie noch aus Lodz kennt, erzaehlt mir, dass sie selbst auch unter denjenigen gewesen sei, die im August 44 nach Ausschwitz deportiert wurde. Von dort kam sie nach nur vier Tagen mit einem weiteren Transport ins Konzentrationslager Stutthof. Von Stutthof wurde sie als Zwangsarbeiterin nach Dresden gebracht und erlebt dort den Feuersturm auf die Stadt, den sie mit zweihundert anderen juedischen Zwangsarbeitern in einem Luftschutzkeller ueberlebte. Von Dresden wurden die Zwangsarbeiter dann auf einen Todesmarsch ins Konzentrationslager Theresienstadt gezwungen. Auf dem Weg verlor sie ihren Bruder. Als Theresienstadt befreit wurde, gehoerte sie zu den Ueberlebenden.

Im Gegensatz zum Ghetto Warschau oder Wilna gab es in Lodz keinen militaerischen Widerstand. “Wir waren gute Kinder”, sagt Rena W. mit bitterem Zynismus.
Von Januar bis Mai 42 mussten Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt fuer Transporte ausselektiert werden. Anfang 42 wurden die Selektion noch der juedischen Ghettoverwaltung aufgetragen. Es ist wohl nicht ganz klar, ob und wem zu dieser Zeit in dem besonders hermetisch abgeriegelten Ghetto bekannt war, wohin die Transporte gehen sollten. Die Schwester von Rena W. erkrankte in dieser Zeit an Tuberkolose. Die kranke Schwester wurde in Decken gepackt und die Familie legte ein ganzes Brot auf den Tisch. Ein ganzes Brot sei mehr wert gewesen als alles andere, erzaehlt Rena W. und tatsaechlich lies sich die juedische Ghettopolizei damit bestechen. Die Schwester aber starb wenige Tage spaeter.
Ein Jude, der aus dem Vernichtungslager Chelmo fluechten konnte, gab Anfang 42 im Ghetto Warschau detaillierte Auskunft ueber den Massenmord im Vernichtungslager. Mitte 42 wurde aufgezeichnet, dass Mordechai Anilewitz, der sich auf einer Mission nach Zaglebie befand die Geruechte ueber Chelmo bestaetigen konnte.

Berichte ueber Massenmorde verbreiteten sich schon ab 41 durch Emisaere der Jugendbewegungen und durch die verborgene Presse in den Ghettos. Nach der bekannt gewordenen Ermordung von Deportierten aus dem Ghetto Wilna, wurde Anfang 42 von dort ausgehend durch die Jugendbewegungen die Einschaetzung verbreitet, dass alle Juden in Europa vernichtet werden sollten. Die Annahme setzte sich allmaehlich als Gewissheit durch.

Sicher ist, dass auch die Bewohnerinnen des Ghettos Litzmannstadt im September 42, als die Deportationen wieder aufgenommen wurden, sicher wussten, dass die Transporte in Tod fuehren.

Die Erinnerungen von Rena W. an das Leben im Ghetto Litzmannstadt sind traumatisch. Die ertsen zwei Jahre ging sie zur Schule, die von der Ghettoverwaltung betrieben wurde. Ihrer Mutter sei es sehr wichtig gewesen, dass sie lernen wuerde, um nach dem Krieg studieren zu koennen, erinnert sie sich. In der Schule gab es am Anfang Suppe und Kotletts fuer die Schuelerinnen und Schueler, dann wurden zunaechst die Kotletts gestrichen und spaeter auch die Supppe. Schliesslich wurde die Schule liquidiert. Sie selbst begann in einer Naeherei zu arbeiten. Die Arbeitsbedingungen waren unmenschlich und forderte viele Menschenleben. Doch war im Ghetto die Ansicht verbreteitet, dass die Arbeit vor den Deportationen schuetzte. Als diese im September 42 wieder aufgenommen worden seien, bestaetigt Rena W. waere den Bewohnerinnen und Bewohnern des Ghettos klar gewesen, dass die Transporte in den Tod gehen wuerden. Alle Bewohnerinnen und Bewohner haetten sich vor den Haeusern aufstellen muessen, erinnert sie sich mit Grauen, und wer der Selektion der SS zum Opfer gefallen waere, waere von einem Lastwagen mitgenommen worden.

Im Ghetto Warschau herrschte schon Anfang 42 schreckliche Klarheit ueber die Deportationen. Ephraim P. erzaehlt, dass schon nach den ersten Transporten klar war, dass sie in Vernichtungslagern enden.

Als die Deutschen in das Haus der Familie von Ephraim P. kamen, um die Familie zu holen, waren die Mutter und Schwestern auf Weisung des Vaters an an einem anderen Ort. Als die Deutschen begannen das Ghetto zu verkleinern und Strassenzug um Strassenzug liquidierten, uebten Ephraim P. und sein Bruder hinter einen Schrank zu steigen, der vor einer kleiner Ausbuchtung in der Wand stand. Als die Nazis den Vater, Funktionaer bei Beitar bereits gestellt hatten, suchten sie im Schrank weiter, doch nicht dahinter. Der Vater haette nach Einmarsch der Nazis nach Palaestina auswandern wollen, erzaehlt Ephraim P. Doch der Familie fehlte das Geld. Nun wurde er in den Tod geschickt, waehrend Ephraim P. und sein Bruder sich, hinter den Schrank gezwaengt, vor dem Gas verstecken konnten. Ohne Vater lebten sie in dem stark verkleinerten Ghetto. Als die Deportationen 43 wieder aufgenommen wurden, begannen die Vorbereitungen fuer den Aufstand, der zu Ostern ausbrechen sollte. Bunker wurden angelegt und Dachboeden verbunden. Einer der Kaempfer sagte zu Ephraim P., dass sie den Transporten ein Ende setzen wuerden. Kein Jude aus dem Ghetto wuerde mehr nach Treblinka gebracht. Ab jetzt, sagte er zu Ephraim p., wuerden sie alle im Ghetto sterben. Und Ephraim P. und sein Bruder zogen sich weite Kleider an, einige Nummern zu gross um fuer die Arbeit in einer der Fabriken rekrutiert zu werden. Sie verabschiedeten sich von der Mutter. Diese nahm vier Goldringe ab und gab jedem der Soehne zwei. Ephraim und sein Bruder kamen bei Skoda unter und schafften es, sich in den Naechten in die Bunkeranlagen der Polen zu stehlen, die den Juden eigentlich verboten waren. Der Aufstand brach aus und als sie ins Ghetto zurueckkehrten, um nach der Mutter und den Schwestern zu schauen, waren diese nicht mehr da. Ganze Strassen waren verbrannt. Die Deutschen konnten mit den Aufstaendischen nicht anders fertig werden, als ganze Strassen anzuzuenden. Ephraim P. erzaehlt, von seinen Erinnerungen ueberwaeltigt, dass seine Familie schrittweise ausgeloescht worden waere. Sein Bruder hatte Thyphus und der einzige Ort, an den er in bringen konnte, war eine Art Krankenhaus, dass noch verblieben war. Als er am naechsten Morgen nach ihm schauen wollte, war das Krankenhaus liquidiert. Er selbst wurde nur wenig spaeter von der Arbeit weg mit allen anderen juedischen Arbeitern zum Umschlagplatz gebracht und nach Majdanek transportiert. Hier beginnt seine Zeit als Zwangsarbeiter in den den letzten Kriegsjahren.

Israel – pt.5(3)/24 || Vom Technikum in die Rehov Ben Yehuda Str.

 

Eine Anekdote aus dem Unabhaengigkeitskrieg hat mit den Jekkes aus Naharia zu tun. Naharia wurde als landwirtschaftliche Genossenschaftssiedlung fuer deutsche Einwanderer gegruendet. Die Siedlung wuchs zu einer landsmannschaftlich geschlossenen Stadt. Als Naharia im Unabhaengigkeitskrieg abgeschnitten und von den Arabern belagert wurde, hielten die Bewohner die Stadt. In einem Funkspruch proklamierten sie: Naharia bleibt deutsch!
 
33 wanderten ca. 7600 Juden aus Deutschland in Palaestina ein und bis 36 blieb die jaehrliche Anzahl der Einwanderer auf diesem Niveau. Zwischen 33 und 36 entschieden sich ca. 30% der juedischen Auswanderer aus Deutschland fuer Palaestina. (Zum Vergleich: Zwischen 19 und 32 waren nur ca. 2000 Juden aus Deutschland nach Palaestina ausgewandert).
 
33 wurde in der Jewish Agency die Deutsche Abteilung gebildet, die sich um die Einwanderung deutschsprachiger Juden kuemmern sollte. Arthur Ruppin wurde Leiter dieses Zentralbueros fuer die Ansiedlung deutscher Juden in Palaestina. Nicht nur eine Persoenlichkeit sei Ruppin gewesen, erzaehlt Lillit P., sondern in den Kreisen junger deutscher Zionisten eine Koriphaee. Lillit P. und ihr Mann, die 33 eingewandert sind, waren mit der Familie Arthur Ruppins befreundet. Ein Enkel des zionistischen Politikers habe sogar bei ihnen zur Untermiete gewohnt, erinnert sie sich.
 
Die Deutsche Abteilung versuchte die Mittelstandseinwanderer zu einer landwirtschaftlichen Taetigkeit zu motivieren. Anreiz war u.a. Eine Beschleunigung des Kapitaltransfers durch die HaAvara. 15 % der Mitteleuropaeer liessen sich in landwirtschaftlichen Kolonien nieder. Die deutschsprachigen Einwanderer gruendeten eine Reihe landsmannschaftlich geschlossener Mittelstandssiedlungen. Das erste dieser deutschen Doerfer war Kiriat Bialik, das noch 33 gegruendet wurde. Ein Teil der Siedlungen, in denen Deutsch gesprochen und das deutsche Kulturgut gepflegt wurde, entstand auf oeffentlich rechtlichem Bodenbesitz, initiiert durch die Jewish Agency auf Land, dass dem JNF-KKL gehoerte. Ein Teil wurde von oeffentlich-rechtlichen Siedlungsbaugesellschaften auf KKL Boden gegruendet, waehrend ein anderer Teil der deutschen Siedlungen durch private Siedlungsbaugesellschaften oder durch Privatinitiative der Siedler auf Privatboeden gegruendet wurden.

Interessant ist die Geschichte von Schavei Zion, das von Juden aus Rexingen gegruendet wurde. Shavei Zion ist eine von vielen Siedlungen, die als Reaktion auf britische Siedlungsrestriktionen und arabische Feindseeligkeiten in der Turm und Mauer Bauweise errichtet wurden. Innerhalb eines Tages stand die Siedlung, von einer Palisade umgeben und von einem Turm ueberschaut. Die Turm und Mauer Siedlungen wurden mit Unterstuetzung des KKL-JNF bevorzugt am Rand des juedischen Siedlungsgebietes errichtet, um dieses fuer den Yishuv abzustecken. Die schwaebischen Einwanderer, die Rexingen als Gruppe verlassen hatten, lebten in Shavei Zion nach dem Genossenschaftsmodell. Arie K. erzaehlt, dass der Bahnhofsvorsteher von Shavei Zion so schwaebisch war, dass er die Station stets als “Schaafe Zion” ausgerufen hat.

Zur bedeutensten deutschen Siedlung entwickelte sich Naharia. Die Stadt war eine Kopfgeburt des russischen Agronomen Soskin, der ein Modell fuer intensivierte Landwirtschaft auf Kleinparzellen schaffen wollte. Die Umstaende der fuenften Aliya und die Ankunft vermoegender Einwanderer aus Deutschland brachten den Versuch einer Umsetzung der Vision im Rahmen einer privaten Siedlungsbaugesellschaft. Doch das utopische Kolonisationsmodell von Soskin scheiterte, da sich seine ehrgeizigen Plaene fuer die intensive Landwirtschaft in Naharia als unbrauchbar erwiesen. Das Naharia zu einem Zentrum der Milchwirtschaft wurde, geht tatsaechlich auf die Duldung von Ausnahmeregelungen zurueck. Die Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner von Naharia wandten sich der Fabrikarbeit zu und machten die Stadt Naharia zur Wiege bedeutender Industrieunternehmen. Ausserdem schufen sie eine Tourismusbranche und machten die Stadt am Mittelmeer zum beliebten Badeort.

In Naharia sind die Verweise auf die Gruenderzeit weitgehend verschwunden. Einzelne Institutionen der Jekkeszeit haben sich aber gehalten. Das Caferestaurant Pinguin etwa befindet sich bereits seit 1940 am selben Ort und im Besitz der Gruenderfamilie Oppenheimer.

Das Pinguin in Naharia 2011

 

Die Einwanderung deutscher Juden wurde 33 durch ein kontrovers diskutiertes Transferabkommenbkommen zwischen der Jewish Agency, der Zionistischen Vereinigung fuer Deutschland und Nazideutschland befoerdert.Auf Seite der Zionisten hat Haim Arlozoroff das Transferabkommen ausgehandelt. Arlozoroff, dessen Familie vor Pogromen aus der ukrainischen Heimat nach Berlin geflohen war, hatte an der Beliner Universitaet studiert und sich sehr fuer den Zionismus engagiert. Waehrend seiner Studienzeit unterhielt er ein Verhaeltnis mit Magda Behrend. 24 wanderte Arlozoroff nach Palaestina aus und wurde ein hoher zionistischer Funktionaer im Yishuv.

Durch das “HaAvera”-Abkommen wurde juedischen Auswanderern nach Palaestina ermoeglicht ihr Vermoegen zu retten. Fuer den Yishuv bedeutete HaAvera einen Zufluss von Kapital und Einwanderern. Abgewickelt wurde der Transfer von der Paltreu GmbH in Deutschland und der Haavera Ltd. in Israel, beide Tochtergesellschaften der Anglo Palestine Bank. Auswanderer haben ihre Vermoegenswerte auf einem Konto der Paltreu hinterlegt. Von den Einzahlungen in Reichsmark wurden deutsche Waren fuer den Export nach Palaestina gekauft. In Palaestina kontrollierte die Haavera die Abnahme der Waren an die Importeure und die Auszahlung des Gegenwertes der Waren in palaestinensischen Pfund an die Auswanderer. So wurde die Einwanderung der deutschen Juden befoerdert, die durch das Abkommen ihr Vermoegen, oder zumindest einen Teil davon, sichern konnten. Der Kapitaltransfer sowie die Einwanderung deutscher Unternehmer, Industrieller und Facharbeiter bedeutete fuer die Wirtschaft des Yishuv einen immensen Schub. Auf der anderen Seite half das Abkommen auch der deutschen Exportwirtschaft und geriet deshalb unter Beschuss durch die Revisionisten. In der Haaretz erschien 33 ein Aufruf an die Bewohner des Yishuv, das Abkommen anzuerkennen und Demagogen zurueckzuweisen. Arlozoroff wurde noch 33 ermordet. Er kam aus der Pension Kaethe Dan als er am Strand niedergeschossen wurde.

Magda Behrend wurde 31 Magda Goebbels.

Nach 36 ging die juedische Einwanderung nach Palaestina drastisch zurueck. Miriam K., die Frau von Arie K. erzaehlt von den ungemuetlichen Zustaenden zur Zeit der arabischen Aufstaende, die 36 vom Zaun gebrochen wurden und drei Jahre andauerten. Sie selbst ist 33 mit zehn Jahren ins Land gekommen und bei ihrem Onkel in Gadera aufgewachsen. Als der Aufruhr begann wurde ihr der Umgang mit einem Gewehr beigebracht und im Alter von 13 Jahren wurde sie bereits fuer den Wachdienst eingeteilt. Unter dem Eindruck der Aufstaende entschlossen sich insgesamt weniger Juden zur Einreise nach Palaestina. Die Einwanderung aus Deutschland erlebte indes keinen Einbruch. Aufgrund der Judenverfolgungen in Deutschland, v.a. unter dem Eindruck der Progromnacht 38, erschien vielen deutsche Juden die Ausreise nach Palaestina trotz der arabischen Aufstaende notwendig. Der relative Anteil deutscher Einwanderer erhoehte sich ab 36 und 39 kam schliesslich jeder zweite Einwanderer aus Deutschland.  

Die britische Mandatsmacht reagierte auf die arabischen Aufstaende mit Einreiserestriktionen, die schliesslich 39 in der Weissbuchpolitik ihren Hoehepunkt fanden. Die britische Mandatsmacht reglementierte ab 37 die Arbeitereinwanderung, waehrend die Einwanderung gegen Nachweis von Eigenkapital zunaechst uneingeschraenkt blieb.

Die Industrie im Mandatsgebiet war vor der fuenften Aliya mit vielen Problemen behaftet. Fuer die Produkte der Industrie nur einen kleinen Markt, auf dem sie zudem noch mit Importen konkurrieren mussten. Auch der niedrige Lebensstandard hemmte den Binnenabsatz. Die Industrie hatte im Gegensatz zur Landwirtschaft ein niederes Ansehen. Sie war den sozialistisch-zionistisch ausgerichteten Pionieren suspekt. Die Pioniere der zweiten und dritten Aliya waren ohne Kapital und Bildung ins Land gekommen und hatten eine gefestigte revolutionaere Einstellung, die das Profitstreben ablehnte und dem Unternehmertum feindlich gegenueberstand.

Erst im Laufe der Zeit erfuhr der unternehmerische Beitrag zum Aufbau des Yishuv seine Wuerdigung.

Lucy Borchard, die seit 1930 Geschaeftsfuehrerin der Reederei Borchard war, bildete nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten juedische Jugendliche in ihrem Betrieb aus, um ihnen so die Ausreise nach Palaestina zu ermoeglichen. Zudem verschiffte sie Auswanderer in ihren Frachtschiffen, die sie nach Palaestina verkaufte. Ihr Sohn Jens gruendete 35 in Haifa die Atid Navigation Reederei und auch bei der Ueberfuehrung von drei Schiffen an die neu gegruendte Schifffahrtsfirma waren vielen Auswanderer an Bord. Die von Lucy Borchard ausgebildeten Seeleute und die unternehmerische Taetigkeit der Familie in Israel bildeten die Keimzelle der israelischen Schifffahrt und der Marine

Die Wirtschaft von den Jekkes bedeutend modernisiert. Als Unternehmer, Banker und Kaufleute verfuegten die deutschsprachigen Einwanderer ueber reichlich Fachwissen um Handel, Industrie und Geldwirtschaft auf die Hoehe der Zeit zu bringen. Das Witschaftswachstum, fuer das die Jekkes gesorgt haben, trug seinen Teil dazu bei, die Araber in Palaestina weit zu ueberfluegeln. 37 zaehlte der Yishuv 240 deutsche Unternehmer. Die Jekkes brachten die Geldwirtschaft und das Versicherungswesen, die Pharma- und Textilindustrie und anderen Unternehmensbereiche voran.

Die Familie von Elsa K., die in Solingen eine Fabrik fuer Rasiermesser hatte, legte in Israel den Grundstein fuer ein neues florierendes Geschaeft.

In der Metallbranche brachte der Unternehmer Wertheimer seine Firma Iscar an die Weltspitze. Stef Wertheimer, der die Rangliste der vermoegensten Israelis anfuehrt, wanderte 37 nah Palaestina ein. Er liess sich fuer die Hagana und den Palmach rekrutieren und arbeitete nach der Unabhaengigkeit fuer ein staatliches Ruestungsunternehmen. 53 gruendete er in Naharia eine Firma fuer Metallverarbeitung. Iscar profilierte sich auf dem Weltmarkt und Wertheimer zog mit der sich vergroessernden Firma in den dafuer angelegten Industriepark Tefen. Henryk M. Broder hat sich dem Unternehmer und seinem Industriepark in einem Artikel gewidmet. Nach dem Vorbild von Tefen errichtete Wertheimer noch weitere Industrieparks im Land.

Skulptur im Industriepark Tefen

 

 

 

 

 

 

 

Die Familie Strauss aus Ulm hat in Naharia den Lebensmittelkonzern Strauss gegruendet. Ebenfalls in Naharia wurde der Lebensmittelkonzern Soglobek gegruendet.  

Weitere Lebensmittelkonzerne, die von Jekkes gegruendet wurden, sind Osem, Blue Band, Nesher.

Die Eltern von Frau Henni R. aus Muenchen hatten eine Pappenfabrik mit vielen Angestellten, die der Familie zu einigem Wohlstand verholfen hatte. Wenn wir am Morgen Alpenpanorama auf 3sat schauen, kann sie von nicht wenigen Skigebieten behaupten, dass sie zu ihrer Zeit dort war. Mit Freundinnen ist sie mit der Eisenbahn in die Skigebiete gefahren. Als die Nazis an der Macht waren, ist die Familie nach Israel ausgewandert. Sie kam als junges Maedchen als letzte der Familie nach. Nicht ganz unvorbereitet, da auch in Muenchen zionistische Gruppen aktiv waren. Der Beitrag von Henni R. fuer Israel ist ein sehr buergerlicher. Ein sehr deutscher. Sie war an der Begruendung der Sozialarbeit in Israel beteiligt. Sie hat u. a. einen Hilfsverein fuer autistische Kinder gegruendet, einen sehr bedeutenden Traeger der Sozialarbeit. Sie war ueber ihre Arbeit mit Dr. Siegfried Hirsch, dem Gruender des Behindertendorfes Kfar Tikva bekannt, wo ich 2004 mein Volontariat geleistet habe.

Der Vater von Henni R. hat in Tel Aviv eine neue Pappenfabrik gegruendet mit “arabischen und juedischen Angestellten”, wie Henni R. erzaehlt.

Auch das Hotelwesen wurde von den Jekken bedeutend vorangebracht. In Tel Aviv gingen aus der Pension Kaethe die Dan Hotels hervor. Die Pension Kaethe wurde von Lotte Cohn entworfen.

Die Einwanderer aus Mitteleuropa standen nicht nur als Unternehmer, Industrielle, Facharbeiter und Dienstleister hinter der oekonomischen Entwicklung des Yishuv. Sie foerderten auch als Konsumenten und Kunden das wirtschaftliche Wachstum.

Unweit von Gold- und Silberwarengeschaeft von Selma G. und ihrem Mann hatte Haim G. einen Buecherladen. Angefangen haette er mit gebrauchten deutschen Buechern, sagt Haim G.

Ida E. fuehrte mit ihrem Mann ein Fachgeschaeft fuer Damenbekleidung in der ehemals renomierten Allenby Strasse in Tel Aviv. Ida E. ist 38 nach Palaestina eingereist. Ihr Handwek hat sie in Dresden gelernt und wurde fuer ihre Faehigkeiten zur Traegerin des deutschen Handwerks ernannt. Ihr Fachgeschaeft fuer Damenbekleidung hielt das Versprechen deutscher Massarbeit. Wer es sich haette leisten koennen, sagt Ida E., haette bei ihnen eingekauft. Viele ihrer Kunden seien Deutsche gewesen, sagt sie und fuegt an, dass sie die deutschen Kunden am liebsten gehabt haette. Von der Qualitaet ihrer Erzeugnisse sei die Bekleidungsindustrie heute weit entfernt, sagt sie.

Meine Bewohnerin Selma G., die das Alter von 103 erreicht hat, hatte mit ihrem Mann ein Geschaeft fuer Gold- und Silberwaren und Uhrenreperatur. Julius K. hatte ein Fachgeschaeft fuer Elektrowaren.

Gertrude B., eine Bewohnerin des betreuten Wohnens, hat mich voller Interesse auf Stuttgart angesprochen, weil die Brueder ihres Grossvaters dort ein Warenhaus hatten. Sie hat irrtuemlich angenommen, dass mir der Name Schocken sicher nichts sagen wuerde.

Der Grossvater von Gertrude B., ein frommer Mann, lebte mit seiner Frau in Bremerhaven, wo die beiden zwei unabhaengige Kaufhaeuser besassen. Sie fluechtete nach der Reichspogromnacht mit ihrem Vater nach Palaestina. Sie kann sich noch an die grosse Villa ihrer Grosseltern und Eltern in Bremerhaven erinnern. Ein praechtiger Bau, in dem sich heute ein Altersheim befindet. Gertrude B. und ihr Vater sind unter dem Eindruck der Reichspogromnacht nach Palaestina ausgereist und ihre Tanten in die USA. Ihre kranke Mutter blieb mit der Grossmutter in Bremerhaven. Beide wurden in Konzentrationslagern ermordet. In Tel Aviv lebte sie nach ihrer Flucht mit ihrem Vater in einer sehr bescheidenen Wohnung. Ihr Grossonkel Salman war schon 1934 aus Deutschland nach Palaestina ausgewandert.

Salman Schocken war beruehmter Kaufmann, Zionist und Verleger. Er besass mit seinem Bruder Simon ein Warenhausunternehmen, dessen Alleineigentuemer er wurde, als sein Bruder toedlich verunglueckte. Als es eine AG wurde, gehoerte Gertrudes Grossvater dem Aufsichtsrat an. Die Schocken Kaufhaeuser in Chemnitz, Nuernberg und Stuttgart hat Erich Medelson gebaut. Der Zionist Schocken gruendete ein Institut fuer die Erforschung der hebraeischen Poesie und wurde 31 zudem Verleger. Schocken war der erste Herausgeber von S.Y. Agnon. 34 reiste er nach Palaestina aus. Sein Verlag in Berlin wurde zwangsgeschlossen und seine Kaufhaeuser arisiert. Salman

Detailansicht der Bibliothek von Schocken in Jerusalem

Schocken hat in Palaestina die Zeitung Haaretz gekauft und die Haaretz Gruppe gegruendet. Sein Sohn Gershom Schocken, wurde Chefredakteur der liberalen Tageszitung und dessen Sohn Amos ist heute deren Herausgeber. 39 hat Salman Schocken auch ein Verlagshaus in Tel Aviv gegruendet, dessen Direktor ebenfalls sein Sohn Gershom wurde. Arie K. hatte beruflich mit dem Verleger Gershom Schoken zu tun. Gershom Schocken,erzaehlt mir Arie K., wobei er Gustav Schocken sagt, habe ein Verhaeltnis mit seiner Sekretaerin gehabt, die er dann auch geheiratet hat. In Jerusalem wohnte sein Vater Salman Schocken in einem Haus mit grosser Bibliothek, dass ihm Erich Mendelson gebaut hat.

Die Einwanderer aus Deutschland haben ueberproportional viel zur gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Yishuv beigetragen. Die liberale Haaretz und der Hilfsverein fuer die autistische Kinder sind nur zwei Beispiele. Die Jekkes haben die liberale Maccabi Krankenkasse gegruendet, weil die vom Arbeiterverband Histadruth gegruendete sozialistische Krankenkasse keine freie Aerztewahl zugelassen hat. Heute ist die freie Aerztewahl in allen Krankenkassen ueblich. Die Jekkes haben das Cameri Theater gegruendet, bennant nach den Kammerfestspielen in Berlin. Das erste Stueck “Diener zweier Herrn”, das im Cameri aufgefuehrt wurde (und bis heute aufgefuehrt wird) war auch Premierenstueck der Kammerfestspiele in Berlin.

Der 1926 nach Palaestina emigrierte Dr. Walter Moses gruendete 58 das Eretz Israel Museum, dessen Abteilung fuer Muenzen jahrelang von Arie K. geleitet wurde.

Sie haben das Konservatorium in Jerusalem gegruendet und waren bei der Gruendung des philharmonischen Orchesters in Tel Aviv beteiligt. Deutsche Professoren haben sich um die Forschung und Lehre verdient gemacht und Palaestina zu einem akademischen Leuchtturm im Nahen Osten gemacht. Die vielen Beamten, Anwaelte und Richter, die mit der fuenften Aliya ins Land gekommen sind, wurden nach der Staatsgruendung gebraucht, um den Staatsapperat und das Rechtswesen aufzubauen.

Im Gegensatz zu den Pionieren der zweiten Aliya waren die deutschsprachigen Einwanderer der fuenften Aliya vielleicht weniger gluehende Idealisten. Dafuer waren sie ausgebildet und hatten Berufe und damit Wissen und Faehigkeiten, die der Entwicklung des Yishuv in anderer Weise zutraeglich waren.

Und irgendwann hat die Bezeichnung Jekke sich gewandelt. Ueber die herablassende Zuschreibung von aussen hinaus wurde sie zur Selbstbezeichnung.

Und die Integrationsprobleme der Jekkes, die den osteuropaeischen Pionieren so sehr Aergernis waren, sind heute in liebevoll gepflegte Annekdoten verpackt. In Tel Aviv gibt es die Ben Yehuda Strasse, benannt nach dem Begruender des modernen Hebraeisch Ben Yehuda. Im hebraeischen Rechov Ben Yehuda (Rechov bedeutet Strasse und wird dem Strassennamen vorangestellt). Die Rechov Ben Yehuda wurde von vielen Jekkes bewohnt. Und den Jekkes galt die Rechov Ben Yehuda als Rechov-Ben-Yehuda-Strasse. Mir wurde im Heim versichert, dass die Bezeichnung tatsaechlich gebrauchlich war.

Israel – pt.5(2)/24 || Vom Technikum in die Rechov Ben Yehuda Str.

 

In einer Nachtschicht hat mich eine Bewohnerin des betreuten Wohnens zu sich gerufen, um mir ihr Leid der Schlaflosigkeit zu klagen. Um Viertel vor Zehn hat sie ihre Tabletten genommen, um zum Ende von Guenter Jauch und “Wer wird Millionaer” einzuschlafen. Nach Mitternacht war sie aber wegen der laecherlich geringen Dosis schon wieder wach. Auf Hebraeisch und Deutsch hat sie mir ihr Problem erklaert. Wieder und wieder, da sie nicht sicher war, ob ich es begreife. Ihr ganzes Leben lang habe sie hoch dosierte Schlafmittel genommen und nun wolle man sie mit den paar Tabletten abfertigen, die ihr am Abend ausgehaendigt wurden. Um sie etwas von ihrem Aerger abzubringen habe ich versucht das Thema zu wechseln.

Elionore D. kam 39 nach Eretz Israel. Sie ist in Zerbst geboren, wo sie mit 14 Jahren als Juedin vom Lycee geflogen ist. Obwohl sie aus einer vorbildlich deutschen Familie kam. Ihre Vorfahren haetten sich in Magdeburg als Buerger ins Stadtbuch eingeschrieben, als dies den den Juden moeglich war. Im Kaufhaus Schocken in Zerbst hat sie trotz ihrer jungen Jahre Arbeit gefunden.

37 ging sie zu einem zwei jaehrigen Hachshara-Kurs auf das landwirtschaftliche Gut Winkel, um sich fuer die Einwanderung in Palaestina schulen zu lassen. Das Gut Winkel war Privatbesitz des Kaufhausmagnaten und Zionisten Salman Schocken. Neben Land- und Hauswirtschaft waren die Sprache, die juedische Identitaet und natuerlich das Leben im Kollektiv Teil der Kurse. 39 gelangte Elionore D. von Trieste mit gueltigen Einreisepapieren nach Palaestina. Dort hat sie in einer Landwirtschaftsschule in Hadera ihre Vorbereitung auf das Leben in der neuen Heimat abgeschlossen. Stolz erzaehlt sie, dass sie dank Hachshara in der Landwitschaftsschule stets gelobt worden sei. Waesche wurde mit einem Waschbrett ueber einem Zinkbottich gewaschen und Elionore D. war eine sehr gute Waescherin. Ihre beste Freundin war ein Maedchen aus Koeln, mit der sie sich auf Deutsch unterhalten hat. Sie selbst hat in den Hachshara-Kursen Hebraeisch gelernt. Nach Abschluss der Schule ging sie ins Kibbuz und lernte dort ihren spaeteren Ehemann kennen. Waehrend sie sich im Kibbuz sehr wohl gefuehlt hat, kam er mit dem Leben als Landwirt nicht zurecht. Sie gingen nach Ramat Gan und er studierte Musik und wurde ein grosser Pianist. Allerdings in Deutschland, wo sie ihn jedes Jahr besucht hat.

11 war der Zionist Felix Rosenblueth, der sich spaeter Pinkhas Rosen nennen sollte, Mitbegruender der juedischen Jugendbewegung Blau Weiss in Deutschland. Dem Bund fuer juedisches Jungwandern Blau-Weiss folgten weitere juedische Jugendbuende, die zunehmend zionistisch ausgerichtet waren.

Hinwendung nach Palaestina und Vorbereitung auf die Auswanderung nach Palaestina war Teil der Erziehung juedischer Jugendbewegungen in Deutschland. Ab 31 entstanden in Deutschland Gruppen des HaShomer HaTzair, der jungen Waechter, einer bedeutenden sozialistisch-zionistischen Jugendbewegung, die Jahre zuvor in Galizien gegruendet wurde. Der Hashomer HaTzair errichtete Kibbuze in Palaestina, vereinigte diese unter einem Dachverband und wurde wichtige politische Kraft des Yishuv.

Mit der Machtergreifung durch die Nazis wurde die Vorbereitung auf die Auswanderung immer bedeutender. Hachshera, wie die Vorbereitung auf die Einwanderung in Palaestina bezeichnet wurde, sollte in den Fokus der zionistischen Jugendbewegungen geraten. Der HeChalutz (Der Pionier) Dachverband der zionistischen Jugendbewegungen war ein zentraler Traeger der Hachshera. Der HeChalutz, der in zahlreichen Laendern aktiv war, unterhielt Vorbereitungslager, in denen landwirtschaftliche und handwerkliche Faehigkeiten und Kenntnisse vermittelt wurden, die fuer den Aufbau in Palaestina bedeutend waren. Neben den Vorbereitungslagern des HeChalutz gab es noch weitere Hachshera-Stellen. Koordinator der Hachshera Stellen in Deutschland war ab 38 Martin Gerson, dessen “Amtssitz” sich im Vorbereitungslager Gut Winkel befand.

Ahron G. kam mit der Jugendaliya nach Palaestina, nachdem er einen dreimonatigen Vorbereitungskurs der Jugendaliya auf einem Bauernhof nahe Koeln absolviert hat. Mit einer Gruppe von 52 Jugendlichen kam er in Israel in das Kibbuz HaYeled HaShachar. Wie er sagt, waren nicht wenige unter ihnen von zu Hause verwoehnte Kinder, die ihren ersten Schock bekamen, als sie um 5 Uhr morgens aufwachen mussten, um in die Arbeit des Kibbuz eingebunden zu werden. In der landwirtschaftlichen Kollektivsiedlung hatten sie nun ihren Teil zum Aufbauwerk beizutragen. Sie erlernten die Feldarbeit und das Zusammenleben im Kibbuz und wurden militaerisch trainiert. Beim Vertrieb der Feldfruechte kam Ahron G. oft mit einem jungen Mann vom Kibbuz Ginnosar zusammen, mit dem er sich befreundete und der einer seiner Weggefaehrten in der Armee werden sollte. Es war Yigal Allon, der spaeter Kommandant des Palmach und noch spaeter Oberbefehlshaber der israelischen Streitkraefte werden sollte.

Meine Bewohnerin Else J. war in Koenigsberg in der zionistischen Jugendbewegung Habonim. Ihre Schwester ist, wie Ahron G. und Tausende anderer Jugendlicher mit der Jugendaliya in ein Kibbuz gekommen.

Die Kinder- und Jugendaliya wurde 33 in Berlin von Recha Freier gegruendet, um juedische Kinder vor den Nazis zu retten. Waehrend der 30er kamen ca. 22.000 Kinder und Jugendliche aus Deutschland mit der Kinder- und Jugendaliya nach Palaestina und wurden so vor dem Gas gerettet. Ansatz der Jugendaliya war, den Jugendlichen in Palaestina nach ihrer Einreise eine Ausbildung zu ermoeglichen statt diese zur Voraussetzung fuer die Einwanderung zu machen. Die Jugendaliya unterhielt verkuerzte Hachshera Kurse, wie sie z. B. die dreimonatige Vorberietung von Ahron G. und schickte aber auch unvorbereitete Jugendliche, wie z.B. Lotte L., nach Palaestina. Recha Freier bemuehte sich darum, die Jugendlichen in Kibbuzen unterzubringen. Sie musste hart fuer ihr Konzept kaempfen. Der Schwester von Else J. hat dies das Leben gerettet. Und Else J. selbst und ihrer Familie schliesslich auch. Da ihre Schwester schon in Palaestina war, konnten ihre Eltern 39 noch eine Einreiseerlaubnis von den Briten erlangen. So kam Else J. im zarten Alter von 15 Jahren trotz der Weissbuchpolitik der Briten noch nach Palaestina.

Meine Bewohnerin Lotte L. gelangte noch 39 mit der Jugendaliya nach Palaestina. Lotte L. kommt aus dem badischen Billigheim und ging auf eine Klosterschule, wo sie u. a. naehen gelernt hat. Im Kibbuz Givat HaShlosha wurde sie aufgrund dieser Faehigkeit in der Waescherei bei der Reparatur von Kleidungsstuecken eingesetzt. Ihre beiden Zwillingsgeschwister konnten noch spaeter mit der Kinderaliya aus Deutschland gerettet werden. Sie befanden sich auf dem letzten Schiff, das Kinder und Jugendliche legal nach Palaestina gebracht hat. Sie wurden zu Landwirten ausgebildet und blieben bis ins hohe Alter hinein Bauern in den Kibbuzen, in denen sie sich schliesslich niedergelassen haben. Die Eltern von Lotte L. wurden in Ausschwitz ermordet.

Es sollte aber bis zur Machtergreifung der Nazis dauern, bis Recha Freiers vorausschauend gegruendete Jugendaliya breite Unterstuetzung fand. 32 fiel es ihr noch schwierig fuer die Absorption der Jugendlichen in Palaestina zu sorgen. Sie wandte sich an Siegfried Hirsch, der die erste Einwanderergruppe der Jugendaliya in Ben Shemen aufnahm. Ben Shemen wurde schon 27 vom Arzt Siegfried Lehmann fuer litauische Jugendliche gegruendet, die bei Pogromen ihre Eltern verloren hatten. 32 kamen die ersten Jugendlichen der Jugendaliya nach Ben Shemen. Ab 34 setzte der Zustrom von Jugendlichen ein und nach 45 kamen viele Waisen ins Land, die ihre Eltern im Holocaust verloren hatten. Das paedagogische Konzept des Jugenddorfes Ben Shemen verband landwirtschaftliche und musikalische Erziehung. In der landwirtschaftlichen Siedlung wurde der Pflege der Musiktradition sehr viel Wert beigemessen. Auf einem Bild, dass in den fruehen Jahren von Ben Shemen aufgenommen wurde, sieht man ein ein kleines Jugendorchester neben einer unbefestigten Strasse musizieren. Das kultivierte Treiben setzt sich krass von der rauhen Umgebung ab und vermittelt einen Eindruck von der besonderen Fusion feingeistiger Muse und harter Landarbeit, die dort geprobt wurde.

Mit der architektonischen Planung der Siedlung wurde der deutsche Architekt Fritz Kornberg beauftragt. Kornberg hatte u. a. das erste Lehrgebaeude der Hebraeischen Universitaet entworfen und das Amphitheater fuer die feierliche Einweihung der Universitaet. Kornbergs Ausrichtung war ein Mittelweg zwischen der Sachlichkeit Kaufmans und dem juedisch-orientalischen Stil von Baerwald. Gerade als das Jugenddorf Ben Shemen weiter ausgebaut werden musste, verstarb der deutsche Architekt Fritz Kornberg. Lotte Cohn und der Mann von Lillit P. fuehrten sein Werk in dem ehrwuerdigen Jugenddorf fort.